Simbabwe, Sambia, Malawi Moçambique. 1'025 Liter Benzin, 90 Tage, 14 Militär- und Polizeikontrollen, 7 kleine Pannen, 1 grosse Panne, 1 einmaliges Auto.
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Wir waren in einem Nationalpark, der
halb so gross wie die Schweiz ist. Wir begegneten einer Kultur, wo die Menschen
zum Grusse in die Hände klatschen. Wir tauchten zwischen Korallenriffen, die zu
den schönsten der Welt gehören. Doch der rote (oder besser: grüne) Faden
unserer Reise durch Simbabwe, Sambia, Malawi und Moçambique war das
Transportmittel: ein VW Käfer aus dem Jahre des Herrn 1974. Hier ist der
Bericht, der schon einige Auszeichnungen bekommen hat und bisher drei Millionen
Mal in Zeitungen, Zeitschriften und Radiostationen zu sehen und zu hören war:
Africa in a Beetle.
| Sie sind Käferliebhaber Nummer |
Randburg, Südafrika, 0
km.
Er ist grün, frisch überholt und beinahe so alt wie wir: Ein waldgrüner VW Käfer
aus dem Jahre 1974 glänzt in der Garage vor sich hin. Am ersten Tag, an dem uns
Afrika zurück hat, haben wir schon viele Autos angeschaut. Dort, wo wir
hinwollen, gibt es keine Autobahnen, oder sie verdienen ihren Namen nicht. Die
Wahl spitzt sich zu auf: alt, unzuverlässig und billig (alter Pick up), alt,
unzuverlässig und teuer (altes Allradfahrzeug) oder neu, zuverlässig und teuer
(alles andere). Wir aber entscheiden uns für alt, zuverlässig und die
preisliche Mittellage: Ein VW 1600 (Käfer), Baujahr 1974, überholt 1997,
wechselt für 6'400 Franken den Besitzer. Er sei leicht (gut für Sandpisten),
luftgekühlt, habe den Motor hinten sowie Hinterradantrieb (ebenfalls gut für
Sand) und werde kaum Ziel eines gewaltsamen Überfalls, hat man uns gesagt. Dank
unserer in Südafrika ansässigen Freunde Ken und Angela Self lassen sich die
administrativen Probleme (Devisen, Versicherung, Fahrtauglichkeitstest) innert
zwei Tagen lösen. Dann fährt der Käfer Richtung Norden, beladen mit
Ersatzteilen, Campingausrüstung und zwei Schweizern, die soeben das erste Auto
ihres Lebens gekauft haben. Eine ebenso verrückte wie spontane Idee
verwirklicht sich: Afrika in einem Käfer.
Beitbridge,
Simbabwe, 627 km. Wir sind unterwegs ins "wirkliche Afrika"
abseits der Touristenströme. Eben haben wir den Limpopo überquert und sind
damit nach Simbabwe eingereist. Die Grenze hat nach Chaos ausgesehen, aber nach
einer Stunde waren wir in Simbabwe.
Main Camp, Simbabwe, 1557 km. Nahe des Eingangs zum
Hwange-Nationalpark begrüsst uns ein Schild: "Elefanten haben
Vortritt". Willkommen in Afrika!
Schon bei der Fahrt zum preiswerten Main Camp stossen wir auf Elefanten und
Giraffen. Abends Tänze, aufgeführt von der parkeigenen Primarschule, die wir
am nächsten Tag besichtigen. Schon ab der ersten Klasse steht in ganz Simbabwe
Umwelterziehung auf dem Stundenplan.
Am
nächsten Morgen: grösster (125 km) und bisher bester « game drive »
unseres Lebens. Gegen 9:50 Uhr, zu einer Zeit, wo wegen der Hitze selten mehr
Tiere zu sehen sind, sehen wir vier Hindernisse auf der Strasse. Sind es Baumstämme,
wie wir sie noch des öftern werden aus dem Weg räumen müssen? Nein, es sind
drei weibliche und ein männlicher Löwe, die friedlich auf der « dirt
road » liegen. Die prächtigen Katzen fühlen sich durch uns nicht im
geringsten gestört - und wir sind die einzigen, die sie stören könnten. Später
läuft uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Elefant über den Weg.
Sinamatella
Camp, Simbabwe, 1773 km. Von diesem fantastischen Camp aus lässt sich
Afrika sehen, wie es vor 150 Jahren war. Ein fantastischer unbeschreiblicher
Ausblick - einer der besten in Afrika - vermittelt den Eindruck, als ob es
rundherum nur Wildnis gäbe. Für immerhin 13'000 Quadratkilometer ist das auch
der Fall. Über die Mittagszeit sitzen wir draussen und beobachten Hörnchen,
wie sie aus Wasserbehälter mit der Aufschrift « Animals Only »
trinken.
Recht nahe Bekanntschaft mit einem Elefanten schliessen wir auf einem « Game
Walk », wo wir frühmorgens mit einem bewaffneten Wildhüter quer durch
den Busch gehen. Eigentlich sind wir auf der Suche nach einem Löwen, der in der
Nacht zu hören war. Was wir finden, ist der Elefant. « Er sieht uns, aber
er riecht uns nicht », sagt der Beamte. Was er damit meint, wissen wir
nicht. Als der Dickhäuter mit den Ohren zu wackeln beginnt, merken wir es. 3,5
Tonnen (zum Vergleich der Käfer: 790 kg) bewegen sich rasant in unsere
Richtung. Auf unserem Rückzug hinter einen Baum drücke ich nochmals schnell
auf den Auslöser.
Man
wünschte sich, ein Elefant würde einmal denjenigen Bürokraten überrennen,
der die Organisation der Unterkünfte in den Parks unter sich hat. Hat man nicht
bei « Central Booking Office » in Harare vorgebucht, muss man jeden
Abend um 17 Uhr (eine idealie Zeit für Wildbeobachtungen) anstehen, um
rauszufinden, ob man am nächsten Tag noch ein Zimmer hat. Dank einem
inoffiziellen Telefon nach Harare überlisten wir die Bürokratie und buchen
alles vor.
Shumba Picnic Site, Simbabwe, 1815 km. Eine Nacht im Zelt in der
« Shumba Picnic Site ». Wir sind die einzigen Menschen weit und
breit. Abends grillieren wir; morgens wecken uns Tausende von singenden Vögeln.
Wir beobachten Büffel, Flusspferde, Impalas und viele Elefanten. « Buddy »,
wie wir bishweilen unseren Käfer nennen, tuckert noch. Eine erste Beule haben
wir uns in Bulawayo zugezogen. Die Strassen werden schlechter.
Nantwich
Camp, Simbabwe, 2198 km. Im « Robin's Camp » heizt man das
Warmwasser in einem Holzofen auf. Eigentlich wollten wir nur kurz durch
den Hwange-Park fahren; jetzt sind wir schon eineinhalb Wochen hier. Afrika wie
im Bilderbuch: Akazien, dann wieder Buschlandschaft, dann wieder hohes Gras...
Weniger Tiere in diesem Teil des Parks.
« Nantwich » schliesslich ist das einzige Camp ohne Zaun. Sandra
grilliert draussen Büffelfleisch, das wir bei Jägern gekauft haben. Als ich
mit der Stirnlampe rausschaue, sehe ich zwei Augen: eine Hyäne will sich das
Aas vornehmen. Wir flüchten ins Haus. Es dauert, bis sich unsere Herzschläge
normalisiert haben...
Livingstone,
Sambia, 2324 km. Wir überqueren einen der spektakulärsten Grenzübergänge
der Welt, eine 111 Meter hohe Brücke über den Sambesi. « You are now
entering Zambia », steht in der Mitte des grossen Viadukts. Links donnern
die mächtigen Viktoriafälle hinunter, rechts wagen Touristen einen Bungee-Sprung. Der Käfer glitzert in der afrikanischen Sonne.
Livingstone ist noch ein Stück wirkliches Afrika, während Victoria Falls auf
der simbabwischen Seite versucht, alles, bloss nicht Afrika zu sein.
Bungee-Jumping, Free Fall, River Rafting - Geschäfte im Besitz von Weissen, während
die Schwarzen in die Vororte verdrängt worden sind. Vor zwei Jahren waren wir
ebenfalls auf dem Adrenalin-Trip. Übernachtung bei « Tatenda », dem
einzigen schwarzen « Tour operator » in der Stadt - günstig und
freundlich. Bevor wir die Grenze überqueren, fragen wir nach dem « panel
beeter » sowie dem « key master ». Ersterer schlägt uns die
Beule zurück, genauer: ändert die Form der Beule, der zweite meint: wir
brauchten kein neues Schloss, dieses Auto sei sicher, auch in Sambia.
In Livingstone gibt es noch so etwas wie eine lokale Bevölkerung, die einem -
wie überall in Sambia - ausserordentlich herzlich empfängt. Die
erste Nacht verbringen wir unter einem Moskitonetz auf einer Baumplattform. Ein
anderes Baumhaus, der sogenannte « look out tree », von dem aus die
Fälle aus besonders einzigartiger Perspektive beobachtet werden können, ist in
derart desolatem Zustand, dass bereits das Hinaufsteigen lebensgefährlich ist.
Zum
Geburtstag von Sandra leisten wir uns (leiste ich uns...) das teuerste
Mittagessen unseres Lebens am wohl bizarrsten Ort, wo ein Mittagessen
stattfinden kann: auf « Livingstone Island », inmitten der Viktoriafälle,
wenige Meter bevor diese mehr als Hundert Meter hinunterstürzen. Im
Motorboot frage ich den Fahrer, was er im Falle einer Motorpanne tun würde...
« Wir testen den Motor häufig », sagt er, « er hat bisher
immer funktioniert ». Auf der Insel gibt es Champagner à discretion.
Inzwischen haben wir uns entschieden, ins entlegene Westsambia zu fahren.
« Ihr werdet Euer Auto zerstören », hat trocken ein arroganter
Mitarbeiter von « Jolly Boy's Backpacker's Lodge » gemeint, « Weiter
als Sesheke kommt ihr nicht ». Später werden wir ihm eine Karte schicken.
Sesheke,
Sambia, 2909 km. Westsambia ist eine erste grosse Herausforderung für
unseren Käfer. Buchstäblich mit dem letzten Tropfen Benzin kommen wir an die
einzige Tankstelle für 300 Kilometer, eine BP-Tankstelle. « Diese
Woche haben wir kein Benzin », begrüsst uns ein lächelnder Jugendlicher,
« vielleicht nächste Woche ». Vielleicht nächste Woche, das heisst
in Afrika: auch nächste Woche nicht. Die einzige Lösung ist der
Caprivi-Streifen in Namibia. Wir fahren nach Namibia, um zu tanken. An der
Grenze das erste Kaufangebot für den Käfer. Nein, wir brauchen ihn noch.
Zurück in Sambia verschlechtern sich die Strassen zunehmend: erst Teer mit
gelegentlichen Schlaglöchern, dann Schlaglöcher mit gelegentlichem Teer,
schliesslich nur noch Wellblech mit gelegentlich tiefen Sandstellen, die daran
erinnern, dass wir uns auf einen Ausläufer der Kalahari-Wüste zubewegen.
Irgendwo im Westen Sambias, 3020 km. Eine dieser Sandpartien wird
uns zum Verhängnis: Wir stecken fest. Dank einem Anfängerfehler meinerseits (Rückwärtsgang
eingelegt...), graben wir uns noch tiefer ein. Es ist 12 Uhr mittags irgendwo in
Westsambia. Östlich von uns liegt der Sambesi, Lebensraum für einige Krokodile
und für Menschen nur per Fähre zu überqueren, westlich, viel weiter westlich,
Angola. Fahrzeuge kommen hier nur selten vorbei. Einzig lästige Tsetse-Fliegen
leisten uns beim Ausgraben Gesellschaft. Sandra entwickelt überraschend viel
Energie beim Buddeln. Nach einigen Stunden haben wir uns der Farbe der Wüste
genauso angepasst wie der Käfer. Endlich kommt Hilfe. Etwa zehn ausgelassene
Zambier tragen das nur 790 Kilogramm schwere Gefährt auf die Buschspur.
Vor lauter Aufregung vergesse ich sogar das Fotografieren.

Die Stimmung steigt. Tempo heisst von nun an das Geheimnis, wenn es sandig wird: Dritter Gang, Vollgas, und der Käfer schwimmt, bis ihn das vertraute Wellblech wieder durchrüttelt.
Maziba
Bay, Sambia, 3042 km. Unser Selbstvertrauen steigt ins Unermessliche,
als wir eine fünf Kilometer lange Piste aus feinstem Sand hinter uns bringen,
ohne auch nur ein einziges Mal steckenzubleiben und ohne bei einer einzigen
Kurve in einen der flankierenden Bäume zu fahren. Letzteres wäre durchaus möglich,
zumal der Sand so tief ist, dass der Käfer nur noch wie ein Boot mit einigen
Sekunden Verzögerung reagiert. Da offenbar Sand in den Bereich der Pedale
kommt, bleibt das Gaspedal unten stecken. Der unfreiwillige Tempomat ist fast
schon willkommen: Eine zögerliche Fahrweise hätte zweifelsohne Steckenbleiben
bedeutet. Hätten wir doch nicht auf den Sambier hören sollen, der oben meinte
« no problem »? Der gute Mann fährt höchstens Fahrrad. Sandra schlägt
sich bei jeder Kurve die Hände vor dem Gesicht zusammen. Unten begrüsst uns
der südafrikanische Mitbesitzer André mit den Worten: "Einen Volkswagen
habe ich hier noch nie gesehen!".
Einige Nächte im Zelt, Ausflug zu den wunderschönen Sioma-Fällen, eine Kanufahrt sowie ein
Flug in André's Ultralight-Flugzeug, betrieben mit unserem Reservebenzin. Gutes
Essen, seltsame Leute (teilweise Rassisten), die hier fast schon als Einsiedler
leben.
In dieser abgelegenen Region Sambias sieht der Sambesi noch weitgehend so aus,
wie ihn Livingstone erlebt hat. Nur die meisten Tiere hat die Wilderei
ausgerottet. Trotzdem: Wären 300 Kilometer entfernt nicht die Viktoriafälle,
so wären bestimmt die Sioma-Fälle eine der grossen Touristenattraktionen. So
haben wir alles für uns.
Dass wir die erwähnte Sandstrasse auch wieder rauf kommen, kann nur als Wunder
bezeichnet werden. Oder es ist tatsächlich viel Wahrheit in der Legende vom Käfer
Sioma,
Sambia, 3048 km. Die Sekundarschule von Sioma wird schon seit zehn
Jahren gebaut, seit zwei Jahren ohne sichtliche Veränderung. Leere
Versprechungen der Regierung. Noch schwerwiegender ist die Situation im Spital
der Missionsstation: zu wenige Medikamente gegen den Killer Nummer eins,
Malaria. Die Zimmer sehen so aus, als ob man hier krank, nicht gesund wird. Wir
lassen unsere Reservepackung « Lariam » im Spital. « God bless
you », verabschiedet uns die italienische Schwester.
Dass
es im « Restaurant » nichts zu trinken gibt, scheint uns geradezu
eine Bagatelle. Eine Bagatelle allerdings nicht ohne Grund: die
Hauptversorgungslinie ist unterbrochen, wie wir gleich selbst herausfinden
werden
Kalongola Ferry Point, Sambia, 3135 km. Verdächtig viele
Fahrzeuge warten auf die Fähre, den einzigen Weg zurück in die Zivilisation.
Sie warten schon drei Tage. Wieder einmal ist die Fähre defekt und wird mit der
Energie einer Strafarbeit repariert. Das Wochenende gibt Wochenendzuschlag,
wieso also nicht das ganze Wochenende ausnützen? Ersatzteile werden per Kanu
hin- und hertransportiert. Die meisten Gestrandeten hätten auf der anderen
Seite etwas Wichtiges zu erledigen. Wir nehmen es gelassen hin, schlagen unser
Zelt auf, machen ein Feuer und kaufen zwei noch lebende Hühner zum Abendbrot.

Mongu,
Sambia, 3278 km. Die Vorgeschichte: In
Senaga, auf der anderen Seite der Fähre, treffen wir einen Neffen des
Premierministers des bis 1964 unabhängigen Barotselandes (Westsambia). Der König
(Litunga) und sein Premier (Ngambela) verfügen noch heute über grösstenteils auf
Gebräuchen basierende Macht und regeln viele lokale Angelegenheiten. Der Neffe
bittet uns, die wir ja sowieso in Richtung Norden fahren, seinem Onkel ein
Geschenk mitzubringen: 6 Cola-Flaschen sowie ein persönlicher Brief.
Die
Geschichte: Von Mongu, dem « Zentrum » Westsambias, lassen wir uns mit Kanus in
eine der beiden Hauptstädte, Lealui, schiffen. Es handelt sich um die Hauptstadt,
in der der König jeweils während der Trockenzeit residiert. Nach mehr als drei
Stunden Kanufahrt und einem Marsch von etwa eineinhalb Kilometern kommen wir bei
einigen Hütten an. Das soll die Hauptstadt sein? Unsere beiden sambischen
Bootsfahrer sind nahe der Selbstaufgabe vor lauter Ehrfurcht. Wie überall in
Westsambia klatschen die Lozi in die Hände, um uns zu begrüssen. Wir klatschen
zurück und erweisen ihnen ebenfalls Respekt.
Schüchtern erkundigen wir uns nach dem Premier. Wir werden in ein Betongebäude
gewiesen, wo etwa 10 ältere Leute eine Art Gerichtsverhandlung führen. In der
Mitte sitzen jeweils zwei Personen, die ein Problem (etwa eine Streitigkeit um
Land) miteinander haben. Sie sind bisweilen tagelang zu Fuss angereist. Um nicht
allzu sehr zu stören, stellen wir uns einfach in die Schlange, bis wir auf den
beiden Stühlen sitzen, umgeben von den Ältesten, in Lealui, Sambia.
« What is your mission ? », fragt einer, verdutzt, hier zwei Weisse vorzufinden.
Ich erkläre, wir brächten einen Brief und ein Geschenk und hätten nur die besten
Absichten. Dabei schaue ich alle möglichst gleichzeitig an, denn ich möchte
nicht zu erkennen geben, dass ich gar nicht weiss, wer hier der Premierminister
ist.
Er
gibt sich zu erkennen: Freudig fordert mich der etwas schwerhörige ältere Mann
auf, ihm das Geschenk zu präsentieren. Ich hole die Cola-Flaschen aus dem
Rucksack hervor. Nun steigt seine Freude so sehr, dass er die
Gerichtsverhandlung für heute abbläst. Er habe zwei VIP's aus der Schweiz hier,
verkündet er.
Während wir mit dem Premier durch die « Hauptstadt » gehen, werfen sich seine
Untertanen rundherum buchstäblich auf den Boden. Und klatschen. Wir klatschen
auch.
In seinem Haus gibt es Luxus-Güter wie einen Kühlschrank. Ein Foto an der Wand
zeigt ihn an 10, Downing Street, wo er in glücklicheren Zeiten mal geladen war.
Während er uns einen mehrstündigen Vortrag hält, warum das Barotseland unbedingt
wieder unabhängig werden müsse (wir müssen versprechen, diesbezüglich bei
unserem heimischen Premier vorstellig zu werden), klopfen immer wieder Leute an,
denen er Anweisungen geben muss. Die Situation wird umso unwirklicher, als ich
wegen Durchfall zweimal die Toilette des Premiers benützen muss - ein Loch im
Boden. Als ich zurückkomme, erzählt er uns, Präsident Chiluba habe ihn gestern
angerufen. Einige Wochen später lesen wir, dass der Premierminister des
Barotselandes mit dem Präsidenten in Singapore war.
Nahe Kaoma, Sambia, 3457 km. « Anti-poaching » (Antiwilderer)
Kontrolle. Haben Sie irgendwelche Feuerwaffen im Auto? Munition? Kurzer Blick
auf den Rücksitz - alles voll von Gepäck, überdeckt von unseren Badetüchern.
Danke, weiterfahren, und wie überall: « Thumbs up ».
Nahe
Itezhi-Tezhi, Sambia, 4156 km. "Wollt ihr mit dem Ding da in den Park
fahren?", fragt ein neidsicher Landrover-Besitzer. Ganz genau das wollen wir, in
den Kafue-Nationalpark, halb so gross wie die Schweiz. Mit Benzin für 800 km,
Essen für vier bis fünf Tage sowie Trinkwasser für ebensolange nehmen wir dieses
Abenteuer in Angriff. Während Hunderten von Kilometern geht alles gut. Im
Norden betreibt « Busanga Trails » drei ausgezeichnete Camps. Auf einer einzigen
nächtlichen Wildbeobachtungsfahrt in den « Busanga Plains » beobachten wir nicht
weniger als acht Löwen. Die Vielfalt der Antilopen ist unvorstellbar. Einzig die
Elefantenpopulation hat sich von den Jahren der Wilderei noch nicht erholt. Noch
nie haben wir soviele Flusspferde an einem Ort gesehen wie im « Hippo Pool ».
Kafue ist tatsächlich das wirkliche, wilde, romantische Afrika.
Im verlassenen Süden des Parks stecken die Hinderräder wieder tief im Sand. Wenn
wir jene vier kritischen Kilometer schaffen würden, würden wir die ganze Strecke
bis zu den « Nanzhila Plains » schaffen, hat man uns gesagt. Nun, wir haben sie
nicht geschafft. Der Nationalpark hat den Nachteil, dass Löwen, Hyänen und
Büffel so selbstverständlich rumlaufen wie Hauskatzen in der heimischen Stube.
Theoretisch wäre es gar untersagt, das Fahrzeug zu verlassen.

Praktisch haben wir keine grosse Hoffnung auf
den TCS (Schweizer Abschleppdienst) und müssen Pläne schmieden: Feuerholz
sammeln, wild campieren, morgen gehe ich alleine los, vorsichtig natürlich...
Wenn ich bis vier Uhr nicht zurück bin.... Es ist keine schöne Situation, die
einzige vor der Rückreise, wo wir den Tränen nahe sind. Wir sind zu weit
gegangen. Hier gibt es neben wilden Tieren auch Wilderer, die keine Hemmungen
haben, zu schiessen. Gerade als sich das Robinson Crusoe Feeling breit macht,
sehen wir ein Auto! Es sind Jäger - Gott sei Dank keine Wilderer! Sie helfen uns,
doch die Nacht müssen wir trotzdem im Busch verbringen. Während dem Zähneputzen
strahlen die Stirnlampen nervös in die Wildnis hinaus. Sind das nicht zwei Augen?
Lusaka, Sambia, 4528 km. Die Hauptstadt Sambias erscheint uns wie
ein Hort der Zivilisation, wo es Duschen (die nach einigen Tagen sogar Wasser
haben) und Supermärkte gibt. Auch dem Käfer gönnen wir eine Pause und lassen ihm
eine neue Hupe einbauen. Ein zu spät entdecktes Schlagloch hat sie verstummen
lassen.
Während
unserem Aufenthalt in Lusaka werden wir weder ausgeraubt noch umgebracht -
beides hat man uns prophezeiht. Selbst in der Gegend der gefürchteten « Cairo
Road » fühlten wir uns recht sicher, auch wenn ich den Typen vom Soweto-Markt
nicht meine kleine Tochter zum Hüten geben würde. Die privaten Sicherheitsleute
vor jedem Geschäft in der Innenstadt schrecken auch Autodiebe ab.
Mit « Jetty », einem Sambier, der für ein amerikanisches AIDS-Projekt arbeitet,
tauchen wir ins Nachleben ein. Es wird dominiert vom zairischen « Rumba » - und
natürlich von « Mosi »-Bier. Weitere Erinnerungen haben wir nicht mehr.
Die Sambier treten uns mit einer Freundlichkeit, Offenheit und Herzlichkeit
gegenüber, wie wir sie noch in keinem afrikanischen Land in dieser Ausprägung
erlebt haben. Und diese Menschen machen die schlechte Infrastruktur mehr als
wett. Sie bleiben uns, das wissen wir schon jetzt, für immer in Erinnerung.
Nach
dem Aufstocken der Vorräte fahren wir zu der Kreuzung, an der die einzigen
beiden grossen Strassen des Landes zusammenkommen: die « Great North Road » und
die « Great East Road » - wir biegen nach rechts ab.
Mfuwe, Sambia, 5808 km. Einige der Schlaglöcher auf der
« Great East Road » hätten mühelos unseren Käfer schlucken können. Der
Strassenzustand ist genauso unregelmässig wie meine Adrenalinzufuhr während der
Fahrt. Mal sieht es fast schon wie eine wirkliche Strasse aus, also etwas
beschleunigen, 70, 80 km/h, ja wir wollen heute noch ankommen: 90 km/h, dann
überfällt uns urplötzlich eine Partie, die an den Tag nach einem Bombardement
oder an eine Mondlandschaft erinnert - auf die Bremsen!
Dass es nicht langweilig wird, dafür sorgt auch ein Buschfeuer. Als es über die
Hälfte der Strasse züngelt, ist dies ein guter Moment, sich zu erinnern,
dass man 75 Liter Reservebenzin geladen hat. Und wenn man geradezu umzingelt ist
vom Feuer, gibt es nur noch eines: durch! Beim Vorbeifahren spüren wir die Hitze
und halten den Feuerlöscher bereit.
Szenenwechsel:
Auf Pirschfahrt im Südluangwa-Nationalpark. Die Elefanten erschrecken jedesmal,
wenn ich den Motor abschalte, mampfen jedoch unbeeindruckt weiter, wenn
der Oldtimer laut vor sich hinrattert. Bisweilen beobachten wir die Dickhäuter
aus nächster Nähe - wobei der eingelegte Rückwärtsgang sicherstellt, dass wir
uns entfernen könnten, falls sie sich doch mal gestört fühlen sollten.
Der
Südluangwa weist heute eine der höchsten Elefantendichten Afrikas auf. Auch
sonst kann sich der Park mit allen bedeutenden Nationalparks Afrikas messen.
Büffelherden von zwei- bis dreihundert Tieren sind keine Seltenheit. Auch Löwen
und Leoparden sind zu beobachten. Während in Südafrika um jeden Löwen mindestens
fünf Fahrzeuge stehen, trifft man hier durchaus auch mal die gegenteilige
Situation an. Besonders empfehlenswert sind zwei Aktivitäten.:
Erstens « game walks »: Während mehreren Stunden durchwandern wir den Busch,
angeführt von zwei kompetenten Führern. Wir beobachten, wie zwei Löwen einen
Büffel angreifen wollen, wie dann jedoch der Büffel unter Mithilfe der Herde die
Löwen in die Flucht schlägt. Wir halten den Atem an. Als wir zum « Wildlife
Camp » zurückgefahren werden sollen, platzt ein Reifen. Ersatzreifen haben sie,
nur nicht dabei. Ein verlängerter « game walk ».
Zweitens
« night drives »: Zwar umstritten, aber auch unvergesslich. Grosse Scheinwerfer
zünden durch die Nacht. Ein prächtiger Leopard liegt unter einem Baum auf dem
Rücken und scheint ganz und gar nicht gestört zu sein von uns.
Mit eigenem Auto sollte man unbedingt auch mal in den Süden des Luangwatals
fahren, das landschaftlich sehr schön ist und in bezug auf Tierbeobachtung dem
zentralen Teil in nichts nachsteht.
Das « Wildlife Camp » ist sympatischer als « Flatdogs », jedoch werden wir von
der deutschen Besitzerin Anke herb enttäuscht, als sie eine versprochene Fahrt
in den praktisch menschenleeren « North Luangwa » Park abblässt - gemäss
inoffiziellen Quellen, weil sie bei nur zwei Personen zu wenig verdient.
Die 120 Kilometer-Strasse von Chipata hinunter nach Mfuwe mutet eher wie eine
Sackgasse in den Busch als eine Strasse zu einer der Hauptattraktionen des
Landes an. Bisweilen fällt der Gang schon bei 20 km/h raus, weil es derart
holpert. Auf dem Rückweg hinauf treffen wir auf vier grosse Autopannen.
Natürlich fragen wir, ob wir helfen können. Und ja natürlich, wir sind
verheiratet, aber an den Kindern arbeiten wir noch.
Chipata, Sambia, 6061 km. Wir sind traurig, weil wir Sambia bald
verlassen. Eine letzte Nacht auf dem Zeltplatz der « Wildlife Conservation
Society » in Chipata. Abends treffen sich dort in der Bar die ansässigen
Ausländer sowie die sambische Mittel- und Oberschicht. Einer kommt aus
Westsambia und will uns nicht glauben, dass wir den Premierminister des
Barotselandes getroffen haben. Noch letztes Jahr wären wir erschossen worden,
wenn wir uns dort nur gezeigt hätten, meint er. Es wird ein preiswerter Abend:
Die Leute haben derart Freude an den zwei jungen Schweizern mit ihrem VW Käfer
und ihren verrückten Geschichten, dass der Bier- und Essensnachschub ganz ohne
unser Zutun funktioniert.
Grenze
zu Malawi, 6079 km. Die sambische Seite der Grenze (Bild) ist wohl der
freundlichste Grenzübergang Afrikas. Die Malawier jedoch begrüssen uns gar nicht
enthusiastisch: Nicht weniger als einen halben Tag dauert es, bis die heiligen
Visastempel unsere Pässe schmücken. Keine Visa mehr an der Grenze, stellt Euch
in der Hauptstadt Lilongwe in die Schlage. Der Beamte, der uns dort schikaniert
hat, meint zum Abschied: "Euch wird Malawi nicht gefallen".
In Lilongwe, wo wir unter anderem eine Tabakauktionshalle besuchen, diskutieren
wir ernsthaft die Möglichkeit, Moçambique fallenzulassen und stattdessen im
Norden nochmals nach Sambia einzureisen. So vermissen wir es. Der Entscheid
fällt knapp für Moçambique aus. Sandra fühlt sich erstmals nicht gut.
Forest Rest House, Malawi, 6606 km. Eine unvergessliche Reise
besteht weder aus « Sehenswürdigkeiten » noch aus Luxusunterkünften. Sie besteht
zum Beispiel aus Joseph, dem freundlichen « Caretaker » des « Forest Rest
House » zwischen Lilongwe und Mzuzu. Der 38-jährige Mann betreibt eine
Unterkunft (ca. 3 US $), für die er problemlos 100 US $ verlangen könnte. Ein
wunderschönes stilvoll eingerichtetes Holzhaus mitten im Wald. Die Dusche kommt
einem türkischen Bad nahe. Sein Handwerk hat er bei der früheren britischen
Besitzerin gelernt. Man mag von der britischen Kolonialherrschaft halten, was
man will, aber Joseph hat Stil. Er kocht fantastisch, macht uns abends Feuer am
Kamin und behandelt uns auch sonst wie Königin und König. Joseph meint, Gott
werde schon noch dafür sorgen, dass wir Kinder kriegen: « He's the boss ».
Livingstonia-Mission,
Malawi, 6830 km. Auf 2'000 Metern Höhe hatten die britischen Missionare
Zuflucht vor Malaria gefunden. Für uns bedeutet das, 20 haarsträubende
Haarnadelkurven zu überwinden. Oben ist nur ein anderes Auto: ein "Landrover",
der nach Expedition anmutet. Er gehört zwei Aussteigern, Chris und Estelle.
« Ich bin sicherlich kein Tourist », sagt Chris auf meine Frage und überlegt,
« ich würde sagen, ich lebe in diesem Landrover ». Und das schon seit
mehr als sechs Jahren. In dieser Zeit hat er mehrmals alle afrikanischen Länder
ausser Sierra Leone, Angola, Lybien, Liberia und die Kapverden besucht. Ein
ganzes Jahr war er alleine im Landrover unterwegs. Nicht ein einziges Mal hatte
er Malaria, und es waren immer andere, die von den Tuareg in Algerien erschossen
wurden. Interessant findet Chris, dass die Tuareg das erste Mal noch mit
Maschinengewehren auf Kamelen ritten, das zweite Mal dann schon auf Motorrädern
fuhren - ebenfalls mit Maschinengewehren natürlich. Und ach ja, wenn wir kein
warmes Wasser hätten im « Stone House » (wo schon die ersten Missionare
schliefen), er hätte immer Warmwasser in seiner Buschdusche. Chris und Estelle
wollen nun heiraten, und zwar dort oben, auf dem Berg.
Für das Privileg, einmal mitfahren zu dürfen, wäscht ein Junge den Käfer. Ich
fahre mit ihm durch Livingstonia und erzähle bei geöffnetem Fenster jedem seiner
Freunde, ich sei der neue Taxifahrer. Seine Famillie lädt mich zum Mittagessen
ein. Für die zahlreichen Geschwister eine Gelegenheit, einen Blick von mir zu
erhaschen.

Nyika
Plateau, Malawi, 7028 km. Reiten auf dem Nyika-Plateau. Und eine letzte Nacht in Sambia, ganz ohne Passkontrolle, auf der
sambischen Seite des Plateaus. Dort brennt auch ein Viertel unseres Zeltes ab -
ein von uns aus Versehen verursachtes Buschfeuer. « Let it burn »,
meint die mit Fahrrädern herbeigeeilte Wildpolizei.
Nkhata Bay, Malawi, 7303 km. Nettes Städtchen, netter Strand am grossen Malawisee,
aber
wir mögen uns einfach nicht richtig erwärmen für dieses Land. Störend sind
auch die zahlreichen « Backpackers », die sich teilweise ihren Weg
durch das Land stehlen und eine bemerkenswerte Ignoranz an den Tag legen. Er
lasse sich jeweils alles auf die Rechnung setzen und haue dann frühmorgens aus
dem Hotel ab, erzählt etwa ein deutscher Rucksacktourist. Und ja, diese
Missionsstation, die gefalle ihm irgendwie gar nicht. Hasch (« Malawi Gold »),
Bier und Sex scheinen die vorherrschenden Gründe für einen Malawi-Besuch zu
sein. Letzteres übrigens vor allem für Frauen. Trotz einer HIV-Quote von bis
zu 80 % sind am See geradezu erschütternde Szenen zu beobachten: 35-jährige
Frau Arm in Arm mit 14-jährigem Jungen. Erstere wittert die ausdauernde
Leistungen, letzterer einen Lottogewinn.
Nkhotakota, Malawi, 7539 km. Wenn Malawi auch kein grosses
Abenteuer darstellt, vor Überraschungen ist man trotzdem nie gefeit. Plötzlich
verdunkelt sich der Himmel über dem Malawisee. Millionen von Seefliegen werden
vom Wind an Land getrieben - ein einmaliges Naturschauspiel. Die Malawier
fuchteln mit Körben umher und machen aus den Fliegen eine Art Pastete oder
Kuchen. Als sie uns erreichen, prasseln sie wie Regen auf den Käfer nieder und
bleiben zu Tausenden kleben.
Etwas
später tanzen Hunderte von Menschen ausgelassen auf der Strasse. Ein Dorf
feiert die vollzogene Beschneidung von zehn Knaben, die sich jetzt Männer
nennen dürfen. Der "Chief" persönlich begrüsst uns, und schon bald
verlagert sich die Aufmerksamkeit auf dieses niegesehene runde Ding mit der Form
eines... Käfers!
Alle wollen uns ihre Adresse hinterlassen, denn unser Nummernschild « BTL
886 GP » steht nicht nur für « Beetle », sondern auch für
« Gauteng Province », und das ist der Traum vom Reichtum in der
Stadt.
Senga Bay, Malawi, 7'635 km. Strassenkontrolle.
Versicherungsdokumente! Hupe! Scheibenwischer (Niederschlagstage im September:
0)!. Neutralgang (wozu auch immer)! Und wenn wir bitte noch etwas Salz hätten,
sie kochen gerade. Ein Beamter bittet mich, "Papiere" vorzuweisen. Als
ich ihm den Bündel Dokumente hinhalte, meint er: "nur zwei". Welche
zwei, das ist ihm egal.
Cape
McClear, Malawi, 7843 km. Auf dem Weg zum Touristenort Cape McClear überqueren
wir einen kleinen Fluss - so fügt sich eine weitere wahre Geschichte dem an,
was man später den Urenkeln erzählen kann..
Plötzlich hat meine Reisepartnerin Sandra 40 Grad Fieber. Der erste Arzt ist
unauffindbar, der zweite einige Kilometer weiter ebenfalls gerade abwesend. Wann
er wieder kommt? In sechs Wochen... 80 km weiter, ein Spital. « You've got
malaria », sagt der Laborant gelangweilt. Malaria ist Alltagssache hier.
Die Medikamente kriegen wir kostenlos. Auf dem Weg zurück nach Cape McClear
fordern die zahlreichen Schlaglöchern ihren Tribut. Das Kupplungskabel reisst -
jetzt fährt unser « Herbie » keinen Meter mehr. Sandra sollte die
Medikamente möglichst schnell einnehmen und sich nachher hinlegen. Ein
Allradfahrtzeug voll von britischen Touristen hält an. « Habt Ihr ein
Problem? », fragt einer. « Zwei », antworte ich, « der
Wagen ist kaputt, und sie hat Malaria ».
Sie
nehmen Sandra mit, während ich das Auto mit Hilfe eines Malawiers
kilometerweise zum nächsten "Buschmechaniker" stosse. Letzterer
behebt das Problem tatsächlich innert einer Stunde. Und dank frühzeitiger
Behandlung geht es auch Sandra am nächsten Tag wieder besser. Wir setzen
unseren Tauchkurs bei « Lake Divers » fort (PADI-Grundkurs 150 US $
- sehr professionell). Die Unterwasserwelt wird zu unserem « Hobby »
werden auf dem Rest dieser Reise.
Blantyre,
Malawi, 8464 km. Auf dem Weg über das Zomba-Plateau regnet es -
und das auf dem Höhepunkt der Trockenzeit. Sandra sucht erneut einen Arzt auf.
Später wird sich herausstellen, dass sie sich im Malawisee Billharziose
eingefangen hat. Und ein bischen Typhus. Trotzdem fahren wir nach Moçambique.
Tete, Moçambique, 8703 km. Der malawische Grenzbeamte meint, wir
arbeiten für das rote Kreuz, als er unsere roten Pässe mit dem weissen Kreuz
sieht. Ansonsten ist die Verabschiedung ebenso freundlich wie die Begrüssung
drei Wochen zuvor. Dafür freut man sich auf der Moçambique-Seite: « Vorletztes Jahr kam hier schon mal ein Käfer vorbei
», lächelt der
freundliche Grenzbeamte und lässt uns spüren, dass Moçambique heute genauso
sicher wie seine Nachbarländer ist.
Wir überqueren zum zweiten Mal den Sambesi - langsam schliesst sich der Kreis
wieder.
Zu
unserer grossen Überraschung finden wir in Moçambique brandneue Strassen vor.
Sie muten manchmal fast gespenstisch an, weil sie wenig befahren sind. An der
ersten Polizeikontrolle ein korrekt weiss gekleideter Beamte: « 7 km/h zu
schnell - sie können in Zim-Dollar, Malawi Kwacha oder Meticais bezahlen »
-vergeblich haben wir Zigaretten gekauft, weil wir gedacht haben, sie seien
bestechlich.
Trotz bitterer Armut begrüssen uns die Menschen mit einer unvorstellbaren
Herzlichkeit. Halten wir in einem Dorf an, sind wir innert Sekunden von
Dutzenden von Kindern und bald ebenso vielen Erwachsenen umgeben und sehen
bisweilen zu keinem Fenster mehr hinaus. Unsere mangelnden
Portugiesisch-Kenntnisse helfen wenig bei der Kommunikation, aber die Leute
geben sich grösste Mühe und freuen sich, in ihrem vom Bürgerkrieg zerstörten
Land wieder Gäste begrüssen zu dürfen.
Chimoio,
Moçambique, 9096 km. Diese Stadt auf dem Korridor Harare - Beira läuft
in unserer Erinnerung unter dem Namen « Coca Cola Stadt ». Der
Limonadenhersteller hat hier eine Fabrik hingestellt, um die Jungen und die
Reichen Nordmoçambiques mit dem süssen Wässerchen zu versorgen. Dabei
scheinen sie nicht nur die Hälfte der Stadt zu beschäftigen, sondern auch noch
die Hälfte der Stadt aufgekauft zu haben. Vom Schaufenster bis zum
Kinderspielplatz: « Drink Coca Cola ». Sehr freundliche Leute. Was
wir in unseren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten hätten, ist
bereits Normalität: Wir gehen des nachts zu Fuss auf einer Nebenstrasse zurück
in unser Hotel. Und das in Moçambique.
Beira,
Moçambique, 9332 km. Die Autobahn nach Beira sieht aus wie in der
Schweiz - perfekt. Ein romantischer Leuchtturm bei einem Schiffswrack. In einem
Restaurant treffen wir auf zwei interessante Leute: ein Deutscher, der mit
seinem Motorrad ganz Afrika durchquert hat und gerade dann in Zaire war, als
alle Leute versuchten, das Land zu verlassen, und ein Schweizer Aussteiger,
ehemaliger IKRK-Delegierter, der den Golfclub von Beira aufgekauft und zu einer
Bar/Disco/Restaurant umfunktioniert hat.
Vilanculos, Moçambique, 9899 km. Wir parkieren den Käfer für
eine Woche. und setzen uns auf die Inseln des Bazaruto Nationalparks ab. Ganz so
einfach war es nicht. « Mr Rex, Mr Rex » sagt man uns überall, als
wir nach den Bazaruto-Inseln fahren. Schliesslich finden wir die Villa des
millionenschweren Amerikaners, dem eine der Inseln gehört. Er ist allerdings
gerade auf der Insel. Wir funken: « Magaruque Magaruque Magaruque
Vilanculos » - er hole uns morgen mit dem Boot ab, tönt es auf
Schweizerdeutsch zurück. Er sei halt auch schon viel gereist... Des weiteren
empfehle er uns, alles Geld auf seiner Insel auszugeben.
Geld ausgeben ist nicht schwierig im Bazaruto-Nationalpark. Selbst auf der günstigen
Insel Magaruque hinterlassen wir für zwei Tage alles in allem 467 US $ (inkl.
Bootstransfers). Zu wenig, findet Mr Rex, enttäsucht, das wir nicht länger
bleiben. Da gäbe es noch eine Taxe für das Parkieren unseres Autos bei seiner
Villa. Fünf Dollar pro Tag. Als ich mich später weigere, den nicht
vereinbarten Betrag zu bezahlen, sperrt mich sein « Housekeeper »
auf dem Gelände der Villa ein.
Abgesehen
von den westlichen Raubrittern, die auf unser Geld abfahren: ein Paradies. Hier
sieht es so aus, als ob es keinen Bürgerkrieg gegeben hätte: Traumhafte,
kilometerlange Sandstrände, wo ausser ein paar Fischern niemand ist. Ihr Fang
entscheidet, was es zum Abendessen gibt. Ein Tauchgang bei den Korallenriffen
des « Two Mile Reefs » bei Benguela bleibt unvergesslich, ebenso das
fantastische Essen der « Bazaruto Lodge ». Kleine hölzerne
Segelboote verkehren zwischen den fünf Inseln und dem Festland. Nur die
Rechnung verhindert, dass wir länger bleiben.
Benguela Lodge i
st mit Abstand die schönste Unterkunft - stilvoll mit Körben
und anderen Gegenständen an der Wand dekoriert.
Etwa
zwei Kilometer von der Lodge entfernt hat ein ehemaliger Mitarbeiter den
Aufstand gegen « big business » geprobt: eine Backpackers-Unterkunft.
Selbst dem angebotenen Geld zur « Stilllegung » habe er
widerstanden, sagt er. Statt mit Schnellbooten kommen die Reisenden mit « Dhows »
- Segelbooten - und bringen mehr Zeit mit.
Noch nirgens auf der Welt habe ich derart schöne Strände gesehen wie im
Bazaruto Nationalpark.
Morrungulo, Moçambique, 10153 km. Gerne kämen wir noch einmal
nach Moçambique, um in die wiedereröffneten Nationalparks und vor allem in den
noch weniger vom Tourismus berührten Norden zu gehen. Für dieses Mal haben wir
keine andere Wahl, als dem Meer nach zu fahren. Doch wir müssen ehrlich sein:
Es gäbe wahrlich üblere Orte, wo man eine solche Reise abschliessen kann.
Die
13 Kilometer nach Morrungulo hinunter sind von Palmen gesäumt - eine
Palmenallee. Morrungulo ist mehr ein Camp als ein Dorf. 40 Kilometer nördlich
und 20 Kilometer südlich gibt es nichts als unberührten Strand. Das Wasser ist
recht wild, die Atmosphäre romantisch. Einziger Störfaktor sind die Südafrikaner,
die ihre mit Kredit gekauften Vierradfahrzeuge auf dem Strand spazieren fahren müssen.
Das beste « Peri Peri Chicken » von Moçambique gibt es auf der
Hauptstrasse nach der Morrungulo-Abzweigung - und auch Dutzende von Biersorten
hat er ab Lager.
Barra, Moçambique, 10349 km. Unbeschreiblicher Strand auch hier,
unbeschreibliche Unterwasserwelt, unbeschreibliche Autofahrten in Moçambique:
die Strassen sind sehr gut, und trotzdem geben die Fussgänger nur zögerlich
den Asphalt an die motorisierten Verkehrsteilnehmer zurück. Während
Jahrzehnten waren sie die Könige der Strasse. Sehr wenige Fahrzeuge, bisweilen
geradezu gespenstisch, gigantisch, ein fantastisches Erlebnis. Zwischendurch fällt
das Starter-Kabel raus, ein altes Problem, das wir selbst beheben können:
Wagenheber, rechtes Hinterrad wegschrauben, runterliegen, raushängendes Kabel
wieder reinstecken, und schon kommt der Käfer wie eh und je wieder an.
Maputo, Moçambique, 10937 km. Die Hauptstadt von Moçambique -
einst eine der schönsten Städte der Welt - ist für uns die letzte
Station vor der Rückkehr nach Südafrika. Eine Stadt übrigens voller Käfer!
Wir tauchen in eine 24-Stunden-Party namens "Feira Popular" ein und
feiern unser Abenteuer, von dem wir bereits wissen, dass es ausser uns niemand
richtig verstehen wird.
Randburg,
Südafrika, 11598 km. Nach drei Monaten und 1'025 Litern Benzin kommen
wir wieder dort an, wo wir begonnen haben. Der liebgewordene Käfer hat uns über
Sandpisten, Schlaglöcher und knarrende Holzbrücken gebracht und gar einen
kleinen Fluss überquert. Nun müssen wir ihn verkaufen, nicht ohne - es muss
gesagt werden - die eine oder andere Träne zu vergiessen. Für 4'600 Franken
geht er an einen Mitarbeiter der französischen Botschaft. Wo genau wir überall
gewesen sind, das hat ihm Ken, der das Auto für uns verkauft hat,
verschwiegen....
Text und Fotos: Marcel Stoessel
Ich möchte Ken und Angela Self danken, zwei außerordentlich netten Menschen, die uns beim Kauf und Verkauf des Autos sowie bei vielen anderen Dingen halfen. "Es ist so einfach zu geben", sagte Ken - und ich bin beeindruckt, das zu hören in einer Welt, wo Egoismus die Macht übernommen hat. Ich möchte auch allen schwarzen und weissen Afrikanern für Ihre legendäre Hospitalität danken - besonders den Sambiern. Auch wenn McCulture alles ändert, Euch werde ich nie vergessen.
Nkosi Sikeleli Afrika