Gesellschaft für bedrohte Völker, Schweizer Sektion, vielfalt, Mai 1999

Barotseland: Wo zur Begrüssung in die Hände geklatscht wird 

Sambia ist ein typischer multikultureller Staat, der seine Grenzen von der britischen Kolonialzeit geerbt hat. Die 73 Ethnien lassen sich in neun Sprachgruppen einteilen. Eine der vier offiziellen Sprachen ist Kalolo, die Sprache der Lozi. Die 557'000 Lozi definieren sich vor allem über ihr Königshaus und ihre eigenständige Kultur. Eine ungewöhnliche Begegnung im Westen Sambias.

Von Marcel Stoessel*[1]

Zwischen Simbabwe und Sambia ist wohl der spektakulärste Grenzübergang der Welt: eine 111 Meter hohe Brücke über den Sambesi. Es ist eine von nur zwei Brücken auf den 3540 Kilometern des Sambesi. Livingstone heisst das Städtchen auf der sambischen Seite, benannt nach dem ersten Weissen, der die prächtigen Viktoriafälle gesehen hat. David Livingstone wollte über den 1851 von ihm entdeckten Fluss („God‘s Highway“) das Christentum ins Innere Afrikas bringen.

Wir sind unterwegs in die Provinz Western Zambia, einen Teil Afrikas, der noch ein bisschen so ist, wie ihn Livingstone vorgefunden hat. Für die meisten Menschen in diesem schwer erreichbaren Gebiet sind Missionare, gelegentliche Sportfischer und seltene Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die einzigen Ausländer, die sie in ihrem Leben sehen. Die relative Abgeschiedenheit der Lozi ist für ihre kulturelle Eigenheit mitverantwortlich, die sich am auffälligsten durch das Händeklatschen zur Begrüssung zeigt. Doch ihr Stolz geht tiefer in ihre Geschichte.

Ein inoffizielles Königreich

Das Königreich der Lozi, zu dem auch unterworfene und assimilierte Stämme zählen, geht ins 17. Jahrhundert zurück. Viele der insgesamt 557'000 Lozi leben in anderen Landesteilen, rund 84'000 anderswo im Südlichen Afrika. Ihr angestammtes Gebiet in der Westprovinz ist heute ein Teil Sambias, doch die Lozi nennen es noch immer Barotseland.(„bulozi“ = „Land der Lozi“).

Im Land der Lozi fahren wir dem Sambesi entlang gegen Norden. Die jährlichen Überflutungen in der Sambesiebene sind noch heute Lebensgrundlage für die Lozi, die grösstenteils von Landwirtschaft und Fischerei leben. Das flache Grasland verwandelt sich in der Regenzeit zu einem grünen, überschwemmten Paradies. Zahlreiche Menschen ziehen sich dann in höhere Lagen zurück.

Zu ihnen gehört auch der König: Der Litunga (= „Erde, Land“) hat ebenfalls zwei Wohnsitze. Irgendwann im Februar oder März fahren er und der gesamte Hof unter Trommelgetöse sechs Stunden per königlichem Boot von Lealui nach Limulunga. Unzählige Kanus begleiten dabei den paramount chief auf dieser farbenprächtigen Kuomboka-Zeremonie. Aufgrund eines zu tiefen Wasserstandes hat die Zeremonie seit 1993 nicht mehr stattgefunden. Sie ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen das Volk den als halbgöttliches Wesen verehrten König zu Gesicht bekommt.

Cola für den Premierminister

Der Litunga ist über dem Volk; er meldet sich nie in öffentlichen Debatten zu Wort. Zwischen dem Volk und dem König ist sein Premierminister (Ngambela), der mit fast dem selbem Respekt behandelt wird. Durch einen Zufall stossen wir auf einen Neffen des heutigen Premierministers Maxwell Mututwa. Er bittet uns, seinem Onkel ein Geschenk (sechs Cola-Flaschen) sowie eine persönliche Meldung zukommen zu lassen. Offenbar gibt es doch noch Orte auf dieser Welt, wo Coca Cola noch nicht Einzug gehalten hat. Wir willigen ein.

Von Mongu, der grössten Stadt Westsambias, bringen uns zwei Führer mit einem Boot zum Königssitz der Trockenzeit, Lealui. Als wir nach drei Stunden endlich anlegen, gehen unsere beiden Lozi-Freunde schnellen Schrittes über ein weites, offenes Feld zu einigen Hütten. Sie verhalten sich dabei sehr ehrfürchtig, und auch wir versuchen, den grösstmöglichen Respekt zu erweisen. Wir grüssen mit dem obligaten Händeklatschen. (NB: Die Grussformalitäten haben sich auch nach der Einführung der ersten Telefone vor einigen Jahren nicht geändert:: Erst wird der Hörer hingelegt und geklatscht.)

Der Respekt unserer beiden Führer vor der einen ihrer beiden Hauptstädte ist so gross, dass sie sich dem „Königspalast“ nicht einmal nähern. Zu unnahbar, zu gross ist der Litunga. Vor einem Betongebäude campiert eine grössere Ansammlung von Menschen, die teils tagelang zu Fuss hierher gekommen sind. Der Ngambela sei da drin, sagt man uns; er sitze dem Kuti vor, einem aus Chiefs bestehenden Ältestenrat, der etwa über Landstreitigkeiten entscheidet. Zögerlich gehen wir hinein und stellen uns in die Reihe.

„What is your mission?“

Plötzlich finden wir uns auf zwei Stühlen wieder. Vor uns sitzen neun ältere Chiefs auf morschen Stühlen und schauen uns mit grossen Augen an. Wir klatschen zur Begrüssung. „What is your mission?“, fragt einer bedeutungsvoll. Ich erkläre, wir kämen aus der Schweiz und hätten nur die besten Absichten. Dabei schaue ich möglichst alle neun gleichmässig an, denn ich möchte nicht zu erkennen geben, dass ich nicht weiss, wer hier der Premierminister ist.

Endlich gibt sich der leicht schwerhörige grossgewachsene Mann zu erkennen. Aus dem Rucksack lasse ich die sechs Cola-Flaschen auftauchen, was ihn ausgesprochen freut. Er  liest den Brief, steht auf und gibt dem Volk strahlend bekannt: „Ich habe hier zwei VIPs aus der Schweiz zu Besuch. Die Verhandlung ist für heute unterbrochen“.

Atmosphäre eines Staatsbesuchs

Als uns Ngambela Maxwell Mututwa durch die Hauptstadt des Barotselandes zu seinem Privathaus führt, werfen sich die Menschen links und rechts des Weges förmlich zu Boden – und klatschen. Wir klatschen ebenfalls. Die Atmosphäre ist die eines Staatsbesuchs, und Maxwell Mututwa weiss, was ein Staatsbesuch ist. Ein Foto in seiner Hütte zeigt ihn an 10, Downing Street, wo er zu besseren Zeiten einmal geladen war. Die Briten hatten den Lozi eine grosse Autonomie gewährt. „Wir waren ein unabhängiger Staat“, übertreibt Mututwa. Wie das gesamte Königshaus ist er erzürnt, dass sich die sambischen Regierungen nach der Unabhängigkeit 1964 nicht an das sogenannte Barotse Agreement gehalten haben. Darin wurde die Autonomie des Barotselandes festgeschrieben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Lozi für ihre Nostalgie an die Zeit der „Unabhängigkeit“ jetzt mit Vernachlässigung seitens des sambischen Staates bezahlen.

Verletzte Gefühle eines Volkes

Die Lösung ist für den Premierminister klar: „Wir müssen wieder unabhängig werden!“, ruft er uns gleichsam zu. Während den nächsten zwei Stunden trägt er engagiert vor, was bis 1964 alles besser war („Wir hatten unsere eigenen Steuern“), wie enttäuscht er sowohl vom früheren (Kaunda) als auch vom jetzigen Präsidenten (Chiluba) und weshalb eine auf chiefs basierende Monarchie die beste Staatsform sei. Unterbrochen wird sein engagiertes Plädoyer nur ab und zu von Untertanen, denen der er kurze präzise Anweisungen gibt. Als wir ihm erzählen, wir hätten gehört, Chiluba käme zur Eröffnung eines südafrikanischen Supermarktes nach Mongu, wühlen wir in einer offenen Wunde. Mututwa ist zwar stolz darauf, dass ihn gerade gestern der Präsident angerufen hat. Doch dass ihn der Staatschef nicht fragte, ob er kommen dürfe, berührt den Premier ungemein. Der Widerspruch zwischen der verfassungsmässigen Machtlosigkeit des Litunga und der immer noch vorhandenen fast bedingungslosen Loyalität seines Volkes tritt hier zutage.

Der Kampf geht weiter

Diese Loyalität wird das Königshaus weiterhin mindestens für Autonomieforderungen gegenüber dem sambischen Staat nutzen. Einer der Prinzen der Königsfamilie, Akashambabatwa Lewanika, sagte im Oktober letzten Jahres, es sei weder gerecht noch legitim für sein Volk, von einer ethnisch einseitigen und „totalitären Regirung“ unterjocht zu werden. Der Konflikt bekam einen Monat später einen internationalen Aspekt, als Chief Mamili, der Führer einer ethnischen Gruppe im namibischen Caprivi-Streifen, die sich den Lozi zugehörig fühlt, in Botswana um Asyl nachsuchte. Der Chief fordert die Sezession des Caprivi-Streifens und eine Einheit des Barotselandes, wie sie angeblich vor der deutschen Kolonialzeit existiert hat. Seine Bemühungen bei der Southern African Development Community (SADC) werden angesichts bestehender Minderheitsprobleme in praktisch allen Mitgliedsstaaten wohl kein Gehör finden.

Auch Maxwell Mututwa bittet uns zum Abschied, sein Anliegen unserem heimischen Premierminister vorzutragen… Widerspruch leisten wir uns nicht. Wir sparen uns die Bemerkung, dass zahlreiche Lozi ausserhalb des Barotselandes nicht an Unabhängigkeit glauben und die Lebensfähigkeit eines Kleinstaates zwischen Sambia und Angola fragwürdig ist. Zum Abschied klatschen wir.



[1] * Marcel Stoessel lebt als freier Journalist in Genf.