Gesellschaft für bedrohte Völker, Schweizer Sektion, vielfalt, September 1999

Auch die Wahrheit ist ethnisch geteilt

Bosnien-Herzegowina ist ein Land mit zwei sogenannten „Entitäten“ (der moslemisch-kroatischen Föderation und der „Republika Srpska“), drei bis vier Armeen, drei Sprachen (Serbokroatisch ist im Krieg gefallen) und vier Währungen, ein Land ohne einheitliche Grenzpolizei und Telefonkarten. Fast alles ist vier Jahre nach Dayton noch immer ethnisch geteilt, vor allem eines: die Wahrheit.

Von Marcel Stoessel*

Wie merkt man, dass man - von der kroatischen Adriaküste kommend - die Grenze von Kroatien zu Bosnien-Herzegowina überquert hat? Es wehen kroatische Fahnen. Die Sprache ist „kroatisch“. Es wird mit kroatischen Kuna bezahlt. Und auch die kroatischen Telefonkarten braucht man nicht wegzuwerfen. Was also ist das Erkennungszeichen von Bosnien-Herzegowina, außer SFOR-, UNO- und OSZE-Fahrzeugen? Es sind die Dörfer, in denen die Häuser keine Dächer mehr haben. Der Bus fährt an einigen vorbei, wo absolut nichts mehr steht. Und nach den Ruinen folgen die Friedhöfe. Ein schockierender Anblick, schon nach 10 Minuten im Land: Durch Friedhöfe ersetzte Dörfer: Willkommen in Bosnien-Herzegowina.

Königin des Friedens

Auf diesen Friedhöfen herrscht kein Friede, höchstens Ruhe. Aber auch Bosnien hat seine Oase des Friedens, und dort steige ich aus. Es ist der Pilgerort Medjugorje, wo seit 1981 einigen Auserwählten täglich die Jungfrau Maria erscheinen soll. Die katholische Kirche hat die Erscheinungen zwar (noch) nicht offiziell anerkannt. Dies hat jedoch bisher fast 20 Millionen Gläubige nicht daran gehindert, dem Ruf der Heiligen Jungfrau in die Berge Herzegowina zu folgen. „Königin des Friedens“, wird sie auch genannt, denn sie betont in ihren Botschaften neben der katholischen Tradition vor allem den Frieden. Zu Beginn der Erscheinungen sagten die Leute in dem Bergdorf, Friede sei doch alles, was sie hätten. 10 Jahre später war es alles, was sie sich wünschten.

Geteilte Stadt Mostar

Vier Jahre nach Ende des Krieges und 18 Jahre nach der ersten Marienerscheinung herrscht in Bosnien-Herzegowina noch kein Friede. Die 17’000 Betten Medjugorjes sind zwar meist mit Religionstouristen aus allen Kontinenten belegt. Doch die marianische Botschaft von Friede und Toleranz scheint nicht einmal ins 30 Kilometer entfernte Mostar vorgedrungen zu sein. Mostar ist die letzte geteilte Stadt Europas. Eine unsichtbare Mauer entlang der ehemaligen Frontlinie steht zwischen Kroaten im Westen und Moslems im Osten. „Boulevard der Europäischen Union“, hat ein Sarkast auf eines der total zerstörten Häuser gesprayt. Apartheid mitten in Europa. Einer der jungen kroatischen Ultranationalisten fragt mich in einem Café in Westmostar rhetorisch: „Könnt Ihr Euch Eure Nachbarn nicht aussuchen?“. Nein, das können wir nicht.

Trinkwasser nur für Kroaten

Aber Taxifahrer können sich ihr Fahrziel aussuchen. Keiner traut sich, mich auf die moslemische Seite zu bringen. Also gehe ich zu Fuß auf die andere Strassenseite, wo sich Religion, Währung, Sprache, Flagge und Geschichtsbücher ändern. Eben noch habe ich neben dem Bild des Papstes gefrühstückt, bald wache ich vom Gebetsruf der Moscheen Ostmostars auf. Dies ist das multikulturelle Bosnien, wie es fast nur noch von Auswärtigen erlebt werden kann. Ethnische Säuberung hat hier Ordnung geschaffen; die „moslemisch-kroatische Föderation“ ist in Mostar ebenso Fiktion wie der souveräne Staat „Bosnien-Herzegowina“. Doch Mostar ist nicht Bosnien. Mostar ist vielmehr das schlimmste an Bosnien. Schon einige Kilometer außerhalb, im Dorf Rastani, treffe ich auf Optimisten aller Nationalitäten. „Wenn die Seele zufrieden ist, kommt das Materielle von alleine“, sagt Todor Krzman, der die Rückkehr der geflohenen Serben nach Rastani koordiniert. „Für unsere Verhältnisse waren wir reich“, schwärmt er von der Zeit, als es noch Arbeit, Strom, Telefon und Wasser gab. Trinkwasser gäbe es seit zwei Monaten nur noch für Kroaten, beschwert sich die Muslimin Zehra Vejzovic, deren Mann vor genau sechs Jahren umgekommen ist. Für einmal sind sich Serben und Moslems einig: hier behindern die Kroaten die Rückkehr. Davon möchte der Kroate Slavko Pinjuh nichts wissen. Für ihn ist die Wahrheit eine andere. Vor seinem unbeschädigten Haus sitzend erzählt er, das Wasser werde in etwa zehn Tagen wieder aufgedreht, und er habe sogar einige Schafe an Serben verschenkt. Hinter uns bewässert eine Sprinkleranlage seinen Garten. In Bosnien ist alles ethnisch geteilt, auch die Wahrheit.

„Sarajevo Survival Guide“

Es ist noch ein langer Weg, den dieses Land zurücklegen muss, um von der Ruhe der Friedhöfe zum Frieden zu kommen. Am weitesten auf diesem Weg ist zweifelsohne Sarajevo gegangen, das man von Mostar wieder per Zug erreichen kann. Im alten türkischen Quartier mischen sich unter die spazierenden Bosnier, die Mitarbeiter internationaler Organisationen und die gelangweilten SFOR-Soldaten schon wieder erste Touristen. Doch der Rest der Stadt spricht für sich. „Rote Rosen von Sarajevo“ schmücken die Fussgängerzone; Einschlaglöcher von Artilleriegranaten, die mit rotem Gummi aufgefüllt wurden. Zwischen 1992 und 1995 war Sarajevo im Mittelalter, belagert. Der ehemalige Frontsoldat Jihad Baroud erzählt, wie er ab und zu mit den Serben während einer Waffenruhe Whiskey trank und man eine Stunde später wieder aufeinander schoss. „Weißt Du, dass Du im verrücktesten Land Europas lebst?“, frage ich. Er lacht und tanzt auf der Strasse. Der Humor ist allen Ethnien Bosniens gemeinsam. So beschreibt der „Sarajevo Survival Guide“, wie man aus nichts etwas kocht und warum man an Kreuzungen Gas geben soll (um schneller als die Scharfschützen zu sein). Weitere Kriegsgeschichten höre ich von einem anderen Soldaten. Erst nach zwei Stunden merke ich, dass er Serbe ist und doch bei der Verteidigung der Hauptstadt mitgeholfen hat. Sarajevo ist das, was vom multikulturellen Bosnien übrig geblieben ist. Innerhalb von weniger als 100 Quadratmetern befinden sich eine katholische Kathedrale, eine orthodoxe Kirche, eine Moschee und eine jüdische Synagoge.

Moslems in Srebrenica

Doch die nächste Grenze ist nicht weit. „Welcome to Republika Srpska“, heißt es auf der mittlerweile vielbefahrenen Strasse nach Pale, der früheren Hochburg der serbischen Extremisten. In einem Souvenirshop kann man Bilder von Karadziz, Mladic und das Emblem von Arkans Truppen kaufen. Völkermord macht sich eben doch bezahlt. Wenn die Bosnier die Wahl zwischen Lachen und Weinen haben, entscheiden sie sich Lachen. Doch in diesem Genozid-Laden gibt es nichts zu lachen. Dasselbe gilt für mein nächstes Ziel: Srebrenica. An dem Ort, wo Tausende von moslemischen Männern massakriert wurden, scheine ich als Ausländer ganz und gar unwillkommen zu sein. Ein Ermittler von Den Haag? Eine alte Frau sieht, dass ich fotografiere und greift mich tätlich an. „Propaganda, Propaganda!“, schreit sie. Später in einem Café spielt sich ein 40-jähriger Serbe groß auf: „Wenn jemals wieder ein Moslem nach Srebrenica kommt, reiße ich ihm die Nieren aus dem Leib“. Mein moslemischer Fahrer zuckt zusammen, als ob ihn der Blitz getroffen hätte. „Ich auch“, sagt er hastig, um jeden Vorwurf von sich zu weisen.

Auch Serben sind Opfer

Doch auch hier gilt: Srebrenica ist nicht Bosnien. In Banja Luka, der heutigen Hauptstadt der Republika Srpska, geben sich die Leute moderater. Der Krieg ist nicht bis hierher gekommen, und doch wird schnell klar, dass auch Serben Opfer der Auflösung Jugoslawiens sind. Dieser Teil der Republika Srpska ist übervoll mit Flüchtlingen aus der kroatischen Kraijna, ohne Hoffnung auf Rückkehr. Die Serbin Radmila Nenadic, 60, erzählt, sie hätte sich in Bihac vor den Moslems nicht mehr sicher gefühlt: „Ich bin aus meiner Heimatstadt mit einer einzigen Plastiktasche geflohen“. Nun ergeht es ihr wie Hunderttausenden in diesem Land: Ihre Wohnung ist von Angehörigen einer anderen ethnischen Gruppe besetzt. „Ich bin das Opfer der Politiker“, fügt sie an und gibt damit dem Ausdruck, was mir auch die große Mehrheit der Kroaten und Moslems sagten. Nationalisten hätten sie in die Irre geführt. “Dann können die Nationalisten also das nächste Mal nicht mehr mit Ihrer Stimme rechnen?“, frage ich provokativ. Erst nach einiger Zeit antwortet sie, darüber müsse sie nachdenken. Eigentlich hat sie gemeint, die Nationalisten der anderen Seite hätten sie in die Irre geführt. So ist der Weg zum Frieden in Bosnien-Herzegowina noch lang, und die ethnische Säuberung der Wahrheit geht weiter.

 
*Unser Autor lebt als freier Journalist in Genf. Er hat dieses Jahr zwei Monate Bosnien-Herzegowina besucht.

 

Standpunkt

Soll der Westen die Völker Bosnien-Herzegowinas zum Zusammenleben zwingen?

Jeder Fortschritt, der in den letzten vier Jahren in Bosnien-Herzegowina gemacht wurde, wurde dem Land von der sogenannten „Internationalen Gemeinschaft“ aufgezwungen. Konkret heißt dies, dass der internationale Bosnienbeauftragte im Stile eines kolonialen Gouverneurs dekretiert, wenn sich die Nationalisten nicht einigen wollen. Beispiele sind das gemeinsame Nummernschild, die sich mittlerweile durchsetzende gemeinsame Währung, die gemeinsame Flagge (genannt „Westendorp-Flagge“), der neue Pass sowie der Absetzung des ultranationalistischen Präsidenten der „Republika Srpska“, Nikola Poplasen. Wolfgang Petrisch kann, wie sein Vorgänger Carlos Westendorp, jeden Politiker und Beamten Bosnien-Herzegowinas absetzen, wie es ihm beliebt. Ist dies legitim?

In einem sind sich alle ethnischen Gruppen einig: Die Internationale Gemeinschaft macht in Bosnien alles falsch. Kroaten und Serben empfinden die SFOR als Besetzungsmacht; und bei den Moslems macht sich das „Abhängigkeits-Syndrom“ breit: Die Ausländer hätten schon während dem Krieg versagt, nun sollten sie gefälligst ihren Einfluss nutzen, um alles schnell wieder in Ordnung zu bringen.

Doch soll der Westen in Gestalt von SFOR und OHR (Office of the High Representative) drei ethnische Gruppen zum Zusammenleben zwingen, wenn dies zwei mehrheitlich nicht wollen und die internationale Hilfe in der Höhe von 5.1 Milliarden US-Dollar wenig geschätzt wird, ganz zu schweigen von der grassierenden Korruption?

Die Antwort ist ein klares Ja. Denn eine allfällige Teilung Bosniens ist erst durch ethnische Säuberung möglich geworden, und dies darf nicht belohnt werden. Die einzige Alternative zum (de facto) internationalen Protektorat ist Apartheid, die mit Gewalt erzwungen wurde. Das dürfen wir in Europa nicht zulassen. Wir müssen offen anerkennen, dass sich Selbstbestimmung und Menschenrechte manchmal widersprechen können. Auch gegen den Willen eines Teils der Bevölkerung müssen wir uns in diesen Fällen für die Menschenrechte entscheiden.

   Marcel Stoessel