Zürcher Oberländer, 10.11.1999
Bosnien-Herzegowina
und die Ruhe der Friedhöfe
Eine Reportage aus dem verrücktesten Land Europas, in dem
vier Jahre nach Dayton noch fast alles ethnisch geteilt ist - auch die Wahrheit
Wie merkt man, dass man - von der kroatischen Adriaküste kommend - die
Landesgrenze von Kroatien zu Bosnien-Herzegowina überschritten hat? Es wehen
kroatische Flaggen. Man bezahlt in kroatischen Kuna. Die Sprache ist «kroatisch»
(«Serbokroatisch» gibt es seit dem Krieg nicht mehr), und auch die kroatischen
Telefonkarten braucht man nicht wegzuwerfen. Sogar das Mobiltelefon zeigt «Kroatien»
auf dem Display an - ein Natel-Gespräch in die Hauptstadt Sarajevo wird zum
internationalen Tarif verrechnet.
Was also ist das Erkennungszeichen des souveränen Staates Bosnien-Herzegowina,
neben Sfor-, Uno- und OSZE-Fahrzeugen? Es sind die Dörfer, in denen die Häuser
keine Dächer mehr haben. In einigen Dörfern, an denen unser Bus vorbeifährt,
steht kein einziges Haus mehr. Nach den Ruinen folgen Friedhöfe. Ein
schockierender Anblick, schon nach zehn Minuten im Land. Willkommen in
Bosnien-Herzegowina!
Maria - «Königin des Friedens»
Auf diesen Friedhöfen herrscht kein Friede, höchstens Ruhe. Der Weg zum echten
Frieden in Bosnien ist noch weit, auch wenn ihn alle für sich reklamieren. Fast
schon einen Themenpark des Friedens kündigt der kroatische Buschauffeur an: «Medjugorje!»
Seit 1981 soll einigen Auserwählten in dem Bergdorf der Herzegowina die
Jungfrau Maria erscheinen. Noch heute haben drei der ursprünglich sechs jungen
Kroaten die heilige Maria täglich dreidimensional vor sich. Sie betont - nach
Aussagen der Seher - in ihren Botschaften immer wieder die Notwendigkeit des
Friedens zwischen den Menschen und Gott sowie unter den Menschen. Maria wird
hier deshalb auch «Königin des Friedens» genannt. Vor 18 Jahren sagten die
Leute im Dorf, Friede sei doch alles, was sie hätten. Genau zehn Jahre später
war es alles, was sie sich wünschten.
Geteilte Stadt Mostar
Fast 20 Millionen Wallfahrer - Franzosen, Spanier, Italiener, Polen, Rumänen,
Amerikaner, Libanesen und Koreaner - sind bisher auf den sogenannten
Erscheinungsberg gepilgert, um Frieden zu suchen und für Frieden zu beten. Die
marianische Botschaft von Frieden und Toleranz scheint jedoch nicht bei allen
katholischen Kroaten grossen Anklang zu finden: Das nächste ethnisch gesäuberte
Dorf ist nur fünf Kilometer von dieser Oase des Friedens entfernt.
Und nach einer halben Stunde Autofahrt ist man in einer Stadt, wo vom Frieden
nicht viel zu spüren ist: Mostar. Eine unsichtbare Mauer entlang der ehemaligen
Frontlinie teilt Kroaten im Westen von Moslems im Osten. Apartheid mitten in
Europa. Die behelfsmässigen Friedhöfe geben Auskunft über die wechselnden
Kriegsallianzen: In einigen sind Moslems und Kroaten nebeneinander begraben; sie
stammen aus der Zeit, in der die beiden ethnischen Gruppen noch gemeinsam gegen
die Serben kämpften.
Doch die Mehrheit der Friedhöfe Mostars ist, wie fast alles in
Bosnien-Herzegowina, ethnisch geteilt. Wenn man mit den Leuten spricht, merkt
man schnell, dass der ethnischen Säuberung auch die Wahrheit zum Opfer gefallen
ist. Die Moslems hätten das Wahrzeichen Mostars - die «Stari Most» (alte Brücke)
- selbst in die Luft gesprengt, sagt ein kroatischer Ultranationalist in
Westmostar und fügt rhetorisch an: «Könnt Ihr Euch Eure Nachbarn nicht
aussuchen?»
Nein, das können wir nicht. Dafür können sich Taxifahrer ihr Fahrziel
aussuchen. Keiner traut sich, mich in den moslemischen Teil Mostars zu fahren.
Also gehe ich zu Fuss auf die andere Strassenseite, wo sich Religion, «Sprache»,
Währung, Flagge und Geschichtsbücher ändern. Bisweilen ist das Glockengeläute
der katholischen Kirchen und der Gebetsruf der Moscheen gleichzeitig zu hören.
Kaum Pazifisten in Sarajevo
Der Weg ist noch weit von der Ruhe der Friedhöfe zum echten Frieden. Am
weitesten auf diesem Weg ist zweifelsohne Sarajevo gegangen. Noch immer befinden
sich auf weniger als 100 Quadratmetern eine Moschee, eine katholische
Kathedrale, eine orthodoxe Kirche und eine jüdische Synagoge. Im alten türkischen
Quartier mischen sich unter die spazierenden Bosnier, die Mitarbeiter
internationaler Organisationen und die gelangweilten Sfor-Soldaten schon wieder
erste Touristen. Doch der Rest der Stadt, wo 1984 die Olympischen Winterspiele
stattfanden, spricht für sich.
Es gibt kaum einen Ort, von dem aus die Hügel rund um Sarajevo nicht in Sicht-
und Schussweite sind. «Sarajevo fiel von einem Tag auf den anderen ins
Mittelalter zurück», beschreibt ein Mitarbeiter des Sarajevo Survival Shop das
Erlebnis einer Belagerung im 20. Jahrhundert. Er ist Mitproduzent des witzigen
Reiseführers Sarajevo Survival Guide und meint, Humor sei eine Form von
Humanismus, mit der man Terror bekämpfen könne. Da ist er eine Ausnahme.
Pazifisten gibt es kaum in Sarajevo; zu offensichtlich ist der Unterschied
zwischen Aggressor und Verteidiger. Doch der Humor ist allen Ethnien Bosniens
gemeinsam. So werden die Überreste von Artilleriegeschützen als günstiger
Rohstoff für Touristensouvenirs verwendet. Und ein Frontsoldat erzählt, wie er
jeweils während Waffenruhen mit Serben Whiskey trank, bevor man wieder
aufeinander schoss.
Souvenirs von Kriegsverbrechern
Doch es gibt Orte in Bosnien-Herzegowina, wo es wahrlich nichts zu lachen gibt.
Dazu gehört der Souvenirladen in Pale, der früheren Hochburg der serbischen
Extremisten. Eingerahmte Bilder der Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic sowie
das Emblem von Arkans Truppen finden hier reissenden Absatz.
Völkermord macht sich eben doch bezahlt. Fast ist man versucht zu sagen:
Srebrenica macht sich bezahlt. An diesen Ort des Schreckens, wo mindestens 6000
moslemische Männer massakriert wurden, fahre ich als nächstes hin. «Wenn hier
jemals wieder ein Moslem herkommt», brüllt ein Kunde eines Cafés hinter
seinem Bier hervor, «dann reisse ich ihm mit eigenen Händen die Nieren aus dem
Körper.» Als dies mein moslemischer Fahrer hört, zuckt er zusammen, als ob
ihn der Blitz getroffen hätte. «Ich auch!», sagt er nervös, um gleich jeden
Vorwurf von sich zu weisen. Doch auch Srebrenica ist nicht Bosnien. In der
Hauptstadt der Republika Srpska - Banja Luka - gibt man sich moderater. Und hier
wird klar, dass auch Serben die Opfer der Auflösung Jugoslawiens sind.
Banja Luka ist überfüllt mit serbischen Flüchtlingen aus der kroatischen
Kraijna, die kaum Hoffnung auf Rückkehr haben. Und eine Serbin aus Bihac erzählt,
sie habe sich dort vor den Moslems nicht mehr sicher gefühlt. «Ich bin aus
meiner Heimatstadt mit einem einzigen Plastiksack geflohen», sagt die 60-jährige
Frau mit Tränen in den Augen. Nun lebt jemand anders in ihrem Haus - dasselbe
gilt für 800 000 weitere Bewohner des verrücktesten Landes Europas.
«Ich bin ein Opfer der Politiker», fügt sie an - eine Meinung, die man von
allen Seiten immer wieder hört. Doch als ich nachfrage, ob die Nationalisten in
dem Falle nicht mehr mit ihrer Stimme rechnen könnten, merke ich, dass sie die
Politiker der anderen Ethnien gemeint hat. Auch auf den serbischen Friedhöfen
liegen Opfer des Krieges, die keine Ruhe gefunden haben. So ist der Weg zum
echten Frieden in Bosnien noch weit.
Marcel Stoessel