extra, 18.6.1999


Gute Sicherheitslage erlaubt die Rückkehr der Touristen ins Land der Khmer

Kambodscha: Königreich aus Tempeln und Schädeln

Amerikanische Bomben, Landminen und Pol Pot ist das, was die Welt von Kambodscha kennt. Doch das südostasiatische Land hat wahrlich mehr zu bieten, zum Beispiel Angkor Wat, das grösste sakrale Bauwerk der Welt.

Eine Reise nach Kambodscha ist heute zwar sicher, aber irgendwie noch immer ein bisschen verrückt. Gewiss, die letzten Roten Khmer haben aufgegeben, und die politische Lage hat sich nach den zweiten demokratischen Wahlen 1998 stabilisiert. Im ganzen war die Sicherheitslage in den letzten 30 Jahren noch nie so gut. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass sich hier, genau hier, all dies abgespielt hat. Nirgends fehlt es an Erinnerungen an die schreckliche Vergangenheit. Pol Pot verwandelte Kambodscha zwischen 1975 und 1979 in ein Land ohne Geld, Städte und Schulen. Nicht weniger als 1.7 Millionen Menschen bezahlten diesen radikalen Steinzeitkommunismus mit ihrem Leben.

Mönch übt Englisch

Kaum eine Familie, die nicht jemanden an die Roten Khmer verloren hätte. Auch der Vater von Sokha, dem Fahrer meines Motorradtaxis, starb unter Pol Pot. Doch darüber möchte er nicht sprechen. Sonst lässt er aber keine Gelegenheit aus, sein rudimentäres Englisch zu üben, während er mir stolz für sechs US-Dollar pro Tag die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Phnom Penh zeigt. Von Wat Phnom, einem Kloster auf einem kleinen Hügel, der Phnom Penh den Namen gab, geht es zur prächtigen Silberpagode neben dem Königspalast. Dort spricht mich Hoeung an, ein junger buddhistischer Mönch in oranger Robe. Auch er möchte Englisch üben und lädt mich für Sonntag gleich in sein Provinzdörfchen ein, wo seit 1993 kein Ausländer mehr gesehen wurde. Dort bin ich innert Sekunden von Dutzenden von Kindern umgeben, die nicht wissen, ob die Angst oder die Neugierde stärker ist. Und Hoeung übertreibt an jenem Abend zum Abschied: „Diesen Tag werde ich nie vergessen“.

Erinnerungen an Pol Pot

Unvergesslich ist zweifelsohne auch der nächste Halt von Sokha: die als „Killing Fields“ bekanntgewordenen ehemaligen Massengräber ausserhalb Phnom Penhs. In einem 25 Meter hohen Glasturm sind als Mahnmal gegen den Völkermord Tausende von Schädel aufeinandergetürmt. Fast scheint es mir, als seien ihre Geister noch immer präsent. Ein anderer Ort des Schreckens auf dem Touristenpfad ist das „Tuol Sleng Holocaust Museum“, untergebracht in einer Sekundarschule, aus der die Helfer Pol Pots ein Foltergefängnis gemacht hatten. Wer eine Brille trug, war Verräter genug, um unter Elektroschocks gestehen zu müssen, für die CIA, den KGB oder die Vietnamesen zu arbeiten. Von den Wänden starren mich vergrösserte Passfotos an, Gesichter in Todesangst. Was ist das bloss für ein Land, in dem Schädel genauso Touristenattraktion sind wie der Königspalast? Ein verrücktes Land vielleicht, ein Land jedenfalls, das niemanden kalt lässt.

Das Reich der Khmer

Szenenwechsel: Früh morgens im Westen Kambodschas. Es ist noch kühl, Vögel zwitschern, und man könnte meinen, dies sei der friedlichste Ort der Welt. Ein 40-jähriger Mann sitzt auf den steinernen Treppen von Angkor Wat, dem grössten Tempel der Welt, und spielt ein zweisaitiges Instrument. Die ersten Touristen sind schon früh gekommen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Einige legen dem Musiker ein paar „Riel“ in den Hut. Doch dies ist nicht der friedlichste Ort; dies ist Kambodscha. Der Mann spielt eine traurige Melodie: Eine der sieben Millionen Landminen hat ihm beide Beine weggesprengt. Seine einzige Hoffnung sind nun die Touristen, die endlich nach Kambodscha zurückkehren. Er zeigt ihnen seine verstümmelten Beine, doch sie sind gekommen, um Tempel zu sehen.

Weltkulturerbe Angkor Wat

Einen Tempel wollen sie vor allem sehen: der dem Hinduismus gewidmete Tempel „Angkor Wat“. Die Unesco hat das grösste sakrale Bauwerk der Welt zum Weltkulturerbe erklärt. Von Angkor aus regierten vom 9. bis 13. Jahrhundert die Khmer über ein Grossreich. Die Ueberreste der Hauptstadt im Dschungel, die mit einer Million Einwohnern grösser als jede Stadt Europas war, sind auf 200 Quadratkilometern verteilt. „Angkor Wat“ war dabei wie eine Stadt in der Stadt, das spirituelle Zentrum der Khmer-Herrscher. Die hölzernen Gebäude – etwa Wohnquartiere – sind längst vermodert. Uebriggeblieben ist nur das Heilige, denn für das Heilige waren Steine reserviert. Jeder Khmer ist stolz auf „Angkor Wat“, auch wenn es für die meisten ein lebenslanger Traum bleibt, die Silhouetten der fünf Türme je mit eigenen Augen zu sehen. Kambodscha kannte wahrlich bessere Zeiten.

Symbiose: Natur und Kultur

Doch hofft das Land am Mekong, dass wieder bessere Zeiten kommen – mit ausländischen Investoren und ausländischen Touristen. Dank der sehr deutlichen Verbesserung der Sicherheitslage hat der Tourismus dieses Jahr wieder angezogen. Von ihm profitiert zum Beispiel das fünfjährige Mädchen, das mich seit geraumer Zeit begleitet und beständig fragt, ob ich einen „cold drink“ wolle. Mit dem Verkauf von kalten Getränken, Postkarten und der Sonne ausgesetzten Farbfilmen ernährt sie ihre ganze Familie. Die Hitze sorgt dafür, dass ich nicht mehr lange widerstehen kann. Mit einer Mineralwasserflasche in der Hand betrete ich einen der magischen Orte Kambodschas: der dem Buddhismus gewidmete Tempel „Ta Promh“. Bewusst wurde er so belassen, wie ihn 1860 die Franzosen wieder entdeckt hatten. Riesige Würgfeigen haben sich in jahrhundertelanger Arbeit um die Steinblöcke geschlungen und diese teilweise entzweigebrochen. Gleichzeitig helfen die mächtigen Pflanzen aber auch, den Tempel vor dem Einbruch zu bewahren. Eine seltene Symbiose zwischen Natur und Kultur, die nur noch durch den Einbruch eines Monsunschauers übertroffen werden kann. Unbeschreibliche Romantik.  

Zurück in der Hauptstadt, zurück in der Realität: „Wanna shoot gun?“, fragt mich jemand und meint damit eine Schiessanlage, in der man alles vom Revolver bis zum raketenbetriebenen Granatenwerfer ausprobieren kann. Der blanke Zynismus in einem Land, das ausser Waffen nichts im Ueberfluss hat. Es ist eben doch alles ein bisschen verrückt.

Bilder und Text: Marcel Stoessel. Unser Autor bereiste 1997 und 1998 während mehrerer Monate Kambodscha. Er war bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr als Internationaler Wahlbeobachter tätig.

 

Mit Raketenwerfern schiessen und mit Kommunisten Roulette spielen

Den Khmer blieb in den letzten drei Jahrzehnten auch gar nichts erspart. Erst war es die Verwicklung in den Vietnamkrieg, dann der kommunistische Völkermord, schliesslich zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg gegen die verbliebenen Roten Khmer. Wenn heute das südostasiatische Land zur Ruhe gekommen ist und für Touristen wieder gefahrlos bereist werden kann, so heisst dies noch nicht, dass Kambodscha ein normales Land geworden ist.

Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man abends ausgeht. „Heart of Darkness“ (Herz der Dunkelheit) heisst die populärste Bar Phnom Penhs, benannt nach dem Roman Joseph Conrads. Hier treffe ich auf allerlei interessante Ausländer. Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, Journalisten, Rucksack- und andere Touristen, Bodyguards und Kriminelle trinken in entspannter Atmosphäre ein Bier oder zwei, während eine Spinnenattrappe von der Decke runterhängt und eine tote Schlange aus dem Schlangenwein starrt. Zehn Minuten entfernt ist die teuerste Disco, vor der ein Schild darauf hinweist, die Waffen abzugeben: „Absolutely no firearms“.

Mehr als genug Feuerwaffen gibt es dafür bei den beiden Schiessanlagen, wo jederman(n) seinen Instinkten freien Lauf lassen kann. Die Preise in der günstigeren Anlage: Revolver fünf Dollar, Kalaschnikow acht Dollar, Handgranate zehn Dollar, B-40 (raketenbetriebener Granatenwerfer) 45 Dollar; Munition exklusive. Die Instruktionen dauern jeweils etwa eine Minute, und der lokale Armeekommandant liegt in der Hängematte, gleich neben einem heiligen buddhistischen Schrein. In der teureren Anlage habe einer einmal für 1'200 Dollar geschossen, erzählt mir ein Schweizer Angestellter….

Doch der Höhepunkt der bizarren Gegensätze Kambodschas ist Pailin, die halbautonome Provinz der Roten Khmer an der thailändischen Grenze. „Ehemalige Rote Khmer“ sind es heute natürlich, doch einige haben nicht einmal die Uniform gewechselt. Aehnlich wie im Wilden Westen (Pailin ist im Westen Kambodschas) tragen zahlreiche Männer Waffen, wenn sie durch die staubige Hauptstrasse gehen oder abends Billard spielen. Auch der Hotelbesitzer schläft (in der Eingangshalle) unter seinem Moskitonetz stets neben einer Pistole. Zufällig treffe ich auf Mey Meak, der 13 Jahre der persönliche Sekretär Pol Pots war und hier - wie viele Rote Khmer - unbehelligt lebt. Er sei gerade dabei, ein Gasthaus zu bauen. Auch Pailin möchte seinen Tourismusaufschwung - der Handel mit Edelsteinen und das Kasino sollen Devisen einbringen. In letzterem kann man ab und zu auch gegen Rote Khmer Roulette spielen, die seinerzeit das Geld abgeschafft haben. Mey Meak fragt mich, wie er seine Unterkunft benennen solle, damit die Touristen zu ihm kämen. „Khmer Rouge guesthouse“, antworte ich.

  

Reiseinformationen Kambodscha

Anreise
: Tägliche Flugverbindungen nach Phnom Penh und Siem Reap (Angkor) bestehen ab Bangkok. Visum: Wird bei der Ankunft an den Flughäfen ausgestellt (20 US $). Hotellerie: Gut ausgebaut (alle Preislagen) aufgrund der UNO-Präsenz 1992/93. Restaurants: Gute asiatische und westliche Küche an den Touristenorten. Transport: Am sichersten sind Inlandflüge, für Abenteurer gibt es Bootsfahrten auf dem Tonle Sap und dem Mekong. Beste Reisezeit: Ganzjährig problemlos bereisbar, Trockenzeit November bis Februar. Gesundheit: Ueber eine Malariaprophylaxe sollten Sie mit einem Tropenarzt sprechen. Sicherheit: Vorsicht nachts in Phnom Penh (Überfälle); ohne Führer nie einen Weg verlassen (Landminen). Internet: Einen ausführlichen Reisebericht finden Sie unter http://www.stoessel.ch/cambodia.htm