Auch wenn viele Angelique Kidjo nicht am Namen erkennen, die Welthits Agolo (1994) und Wombo Lombo (1996) sind noch allen im Ohr. Das Energiebündel aus Benin verbindet traditionelle afrikanische Musik mit Rock, Pop, R&B und Hip Hop. Die SJ sprach mit ihr am Gurten-Festival.

sj: Wenn man Sie auf der Bühne sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass Sie im Studio über einer neuen CD brüten. Man hat den Eindruck, sie bräuchten den Tanz und die Interaktion mit dem Publikum. Stimmt das?
Angélique
Kidjo: Ja. Ich mag Studios nicht. Sie entsprechen nicht meiner Kultur. Ich habe
meine Karriere auf der Bühne in Benin begonnen. Als ich nach Frankreich zog,
war das Studio eine der schwierigsten Umstellungen. Diese kalte, technische
Seite der Musik hat nichts mit Afrika zu tun, wo alle Lust haben, zu tanzen und
zu feiern.
Wenn sich jemand wie Paul Simon afrikanische Einflüsse in seine Musik holt, wird er gelobt. Wenn Sie jedoch als Afrikanerin ihre Musik mit westlichen Elementen anreichern, wirft man Ihnen vor, nicht „authentisch“ zu sein. Woher kommt dieser Unterschied, den man zwischen schwarzen und weissen Künstlerinnen und Künstlern macht?
Wahrscheinlich
sind es die Vorurteile über Afrika. Wenn Youssou N’Dour ein Duo mit Neneth
Cherry macht, schlägt das ein. Man kann sich schwer vorstellen, dass Youssou
N’Dour mit mir denselben Erfolg hätte. Als ob wir Afrikaner für alles einen
Vormund bräuchten! In den Köpfen der Menschen spielen wir noch alle Trommeln
und rennen halbnackt umher. Ich weiss auch nicht, woher dieser Rassismus kommt.
Rassismus ist ein hartes Wort.
Ja, aber
trifft zu. Die Medien leisten Widerstand, wenn Sie Afrikanerin sind. Man hat
nicht dieselbe Radio- und Fernsehpräsenz wie weisse Künstlerinnen und Künstler
oder schwarze Amerikaner, die auf Englisch singen. Ich höre manchmal als
Begründung die Sprachbarriere, doch das akzeptiere ich nicht.
Sie
singen heute etwas mehr Englisch und Französisch, doch hauptsächlich immer noch
in Ihrer Muttersprache Fon. Ist dies nicht doch ein Hindernis?
Ich muss zu
dem stehen können, was mich mache. Darum folge ich meiner Inspiration.
Vielleicht sind die Songs „in“, vielleicht nicht. In meiner Inspiration kommt
ein Stück in irgend einer Sprache daher. Vielleicht singe ich eines Tages auf
Portugiesisch oder Russisch – das habe ich nicht selbst unter Kontrolle.
Ist das
Komponieren ein magischer Prozess?
Absolut.
Spirituelle Magie.
Etwas
Magisches hat auch Voodoo, eine Religion, die ursprünglich aus Ihrer
Heimat Westafrika stammt. Auf Ihrer letzten CD Oremi ist auch Ihre
Version von Jimi Hendrix’ Voodoo Child zu finden. Was bedeutet Ihnen Voodoo?
Voodoo ist eine Philosophie, eine Religion
und eine Lebensart, die auch mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Man hat ihn seit
den Zeiten der Skaverei verteufelt, denn die Sklavenhändler hatten erwartet,
Untermenschen vorzufinden. Man wollte keineswegs anerkennen, dass es hier schon
eine vollwertige Religion gab. Für mich führt diese Religion Menschen zusammen:
Bei den Zeremonien kommen die Städte und Dörfer Benins zum Stillstand. Unsere –
männlichen und weiblichen – Götter haben mit unserem täglichen Leben in der
Natur zu tun: Wind, Wasser, Luft, Regen, Donner – ohne all diese Dinge wären
wir nichts.
Leben
Sie den Voodoo?
Ich lebe Voodoo
seit ich klein bin. Er hat mich gelehrt, mich und andere zu respektieren
und zu lieben. Das gilt auch für die Erde: Die ersten Grünen, die ich gekannt
habe, waren die Voodoo-Priester. Katholizismus und Voodoo sind für mich
kein Widerspruch, denn beide Religionen sagen aus, dass die Farbe unseres
Blutes und nicht diejenige unserer Haut entscheidend ist. Wenn einer dumm ist,
ist er nicht dumm, weil er schwarz oder weiss ist, sondern weil er ganz einfach
dumm ist.
Sie
haben bis 1983 in Benin gelebt. Wie war diese Zeit?
Das waren
die schönsten Jahre meines Lebens. Ich hatte eine fantastische Kindheit. Wenn
ein Erwachsener eine gute Kindheit hatte, ist er ein ausgeglichener Mensch.
Alle Traumata, die man als Erwachsener durchlebt, haben ihre Wurzeln in der
Kindheit.
Sie
bedeutet mir alles. Ich wäre kein ganzer Mensch, wenn ich neben „Künstlerin“ nicht
auch „Mutter“ wäre. Sie ist auch eine gute Kritikerin: Meist ist sie die erste,
die meine Stücke im Studio oder in der Stube hört.
Es ist
unbeschreiblich. Wenn ich zu Hause bin, beginne ich durchzuatmen. Ich bin wie
im Paradies. Meine Heimat ist meine Droge. Ich weiss, dass ich für mein Land
viel verkörpere.
Ja, ich
mache viele solche Sachen. Meine Webseite hat einen Link zu einer Organisation,
wo man ein Patenkind adoptieren kann. Ich habe dieses Projekt selbst gesehen
und kann es nur weiterempfehlen. Die Kinder können mit dem Geld eine anständige
Schule besuchen..
Ich weiss
es nicht. Ich glaube, dass ich so lange auf der Bühne stehe, wie ich eine
Stimme habe. Ich werde sicherlich einmal auf der Bühne sterben.