schweizer jugend, 5.8. 2000

 

Angélique Kidjo

„Ich werde auf der Bühne sterben“

 

Auch wenn viele Angelique Kidjo nicht am Namen erkennen, die Welthits Agolo (1994) und Wombo Lombo (1996) sind noch allen im Ohr. Das Energiebündel aus Benin verbindet traditionelle afrikanische Musik mit Rock, Pop, R&B und Hip Hop. Die SJ sprach mit ihr am Gurten-Festival.

 

Angelique Kidjo

sj: Wenn man Sie auf der Bühne sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass Sie im Studio über einer neuen CD brüten. Man hat den Eindruck, sie bräuchten den Tanz und die Interaktion mit dem Publikum. Stimmt das?

Angélique Kidjo: Ja. Ich mag Studios nicht. Sie entsprechen nicht meiner Kultur. Ich habe meine Karriere auf der Bühne in Benin begonnen. Als ich nach Frankreich zog, war das Studio eine der schwierigsten Umstellungen. Diese kalte, technische Seite der Musik hat nichts mit Afrika zu tun, wo alle Lust haben, zu tanzen und zu feiern.

 

Wenn sich jemand wie Paul Simon afrikanische Einflüsse in seine Musik holt, wird er gelobt. Wenn Sie jedoch als Afrikanerin ihre Musik mit westlichen Elementen anreichern, wirft man Ihnen vor, nicht „authentisch“ zu sein. Woher kommt dieser Unterschied, den man zwischen schwarzen und weissen Künstlerinnen und Künstlern macht?

Wahrscheinlich sind es die Vorurteile über Afrika. Wenn Youssou N’Dour ein Duo mit Neneth Cherry macht, schlägt das ein. Man kann sich schwer vorstellen, dass Youssou N’Dour mit mir denselben Erfolg hätte. Als ob wir Afrikaner für alles einen Vormund bräuchten! In den Köpfen der Menschen spielen wir noch alle Trommeln und rennen halbnackt umher. Ich weiss auch nicht, woher dieser Rassismus kommt.

 

Rassismus ist ein hartes Wort.

Ja, aber trifft zu. Die Medien leisten Widerstand, wenn Sie Afrikanerin sind. Man hat nicht dieselbe Radio- und Fernsehpräsenz wie weisse Künstlerinnen und Künstler oder schwarze Amerikaner, die auf Englisch singen. Ich höre manchmal als Begründung die Sprachbarriere, doch das akzeptiere ich nicht.

 

Sie singen heute etwas mehr Englisch und Französisch, doch hauptsächlich immer noch in Ihrer Muttersprache Fon. Ist dies nicht doch ein Hindernis?

Ich muss zu dem stehen können, was mich mache. Darum folge ich meiner Inspiration. Vielleicht sind die Songs „in“, vielleicht nicht. In meiner Inspiration kommt ein Stück in irgend einer Sprache daher. Vielleicht singe ich eines Tages auf Portugiesisch oder Russisch – das habe ich nicht selbst unter Kontrolle. 

 

Ist das Komponieren ein magischer Prozess?

Absolut. Spirituelle Magie.

 

Etwas Magisches hat auch Voodoo, eine Religion, die ursprünglich aus Ihrer Heimat Westafrika stammt. Auf Ihrer letzten CD Oremi ist auch Ihre Version von Jimi Hendrix’ Voodoo Child zu finden. Was bedeutet Ihnen Voodoo?

Voodoo ist eine Philosophie, eine Religion und eine Lebensart, die auch mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Man hat ihn seit den Zeiten der Skaverei verteufelt, denn die Sklavenhändler hatten erwartet, Untermenschen vorzufinden. Man wollte keineswegs anerkennen, dass es hier schon eine vollwertige Religion gab. Für mich führt diese Religion Menschen zusammen: Bei den Zeremonien kommen die Städte und Dörfer Benins zum Stillstand. Unsere – männlichen und weiblichen – Götter haben mit unserem täglichen Leben in der Natur zu tun: Wind, Wasser, Luft, Regen, Donner – ohne all diese Dinge wären wir nichts.

 

Leben Sie den Voodoo?

Ich lebe Voodoo seit ich klein bin. Er hat mich gelehrt, mich und andere zu respektieren und zu lieben. Das gilt auch für die Erde: Die ersten Grünen, die ich gekannt habe, waren die Voodoo-Priester. Katholizismus und Voodoo sind für mich kein Widerspruch, denn beide Religionen sagen aus, dass die Farbe unseres Blutes und nicht diejenige unserer Haut entscheidend ist. Wenn einer dumm ist, ist er nicht dumm, weil er schwarz oder weiss ist, sondern weil er ganz einfach dumm ist.

 

Sie haben bis 1983 in Benin gelebt. Wie war diese Zeit?

Das waren die schönsten Jahre meines Lebens. Ich hatte eine fantastische Kindheit. Wenn ein Erwachsener eine gute Kindheit hatte, ist er ein ausgeglichener Mensch. Alle Traumata, die man als Erwachsener durchlebt, haben ihre Wurzeln in der Kindheit.

 

Sie selbst haben eine 7-jährige Tochter. Was bedeutet sie Ihnen?

Sie bedeutet mir alles. Ich wäre kein ganzer Mensch, wenn ich neben „Künstlerin“ nicht auch „Mutter“ wäre. Sie ist auch eine gute Kritikerin: Meist ist sie die erste, die meine Stücke im Studio oder in der Stube hört.

 

Sie sind noch heute oft in Benin. Was ist das für ein Gefühl?

Es ist unbeschreiblich. Wenn ich zu Hause bin, beginne ich durchzuatmen. Ich bin wie im Paradies. Meine Heimat ist meine Droge. Ich weiss, dass ich für mein Land viel verkörpere.

 

Unterstützen Sie Entwicklungsprojekte?

Ja, ich mache viele solche Sachen. Meine Webseite hat einen Link zu einer Organisation, wo man ein Patenkind adoptieren kann. Ich habe dieses Projekt selbst gesehen und kann es nur weiterempfehlen. Die Kinder können mit dem Geld eine anständige Schule besuchen..

 

Und wie geht Ihre persönliche Entwicklung weiter?

Ich weiss es nicht. Ich glaube, dass ich so lange auf der Bühne stehe, wie ich eine Stimme habe. Ich werde sicherlich einmal auf der Bühne sterben.

 

Interview und Bilder: Marcel Stoessel