Basler Zeitung, 24.7.1998

Gemächlich tuckert der Kahn auf dem Mekong nach Norden

Von Marcel Stoessel

Eine Reise nach Laos ist wie ein Schritt zurück in der Zeit. In dem bis 1989 isolierten Land am Mekong kommt das alte romantische Asien mit weitgehend intakter Natur zum Vorschein. Der Bericht von einer Reise mit den einfachsten öffentlichen Verkehrsmitteln.

Es ist 5:30 Uhr. Eine lange Schlange von buddhistischen Mönchen in ihren orangefarbenen Roben säumt die Strassen von Luang Prabang. Auf dem Boden knien Gläubige und legen je eine Handvoll Klebreis in die Messingtöpfe der kahlgeschorenen jungen Männer. Jeder Laote ist einmal im Leben ein Mönch, sei es für zwei Wochen oder zwei Jahre. Viele Ältere haben gar 15 oder 20 Jahre im Kloster verbracht. «Das macht diese Kultur so reich», sagt der Laos-Experte James Michener, Chefredaktor von «Dok Champa», dem Inflight-Magazin von Lao Aviation; «sie alle mussten einmal zurücktreten und sich und die Welt in Ruhe betrachten.»

Der Tag erwacht. Während die 300 Mönche Luang Prabangs beten, verlässt ein Frachtboot den kleinen Hafen der alten Königsstadt. Der 15 Meter lange,schmale Kahn tuckert auf dem Mekong gemächlich Richtung Norden. Im dunklen, stickigen Laderaum fahren rund 15 Laoten und ein Schweizer mit. Man «beschnuppert» sich gegenseitig, einige Bananen werden herumgeboten, und dann ist das Eis gebrochen: «Sabaii dii, sabaii dii» - das freundliche «Hallo» ist überall im Land zu hören.

Vom schmalen Dach aus lässt sich der Mekong mit seinen vielen Launen und seiner traumhaften Umgebung aus Monsunwald und Kalksteinfelsen beobachten. Die Stille unterbricht nur gelegentlich ein Schnellboot, das weniger müssige Touristen befördert. Plötzlich prasselt heftiger Regen aufs Dach. Das Heruntersteigen erweist sich als heikle Kletterpartie zur Ladeluke in der rechten Wand des Bootes. Nasse Bretter, ein falscher Handgriff: ein Schweizer im Mekong. Wanderschuhe sind wenig hilfreich für ein spontanes Bad, ebenso wie Pass, Flugtickets und Travellers Checks. Der Kahn fährt weiterhin flussaufwärts. Ob es jemand gesehen hat? Nach zwei unendlich langen Minuten wendet der Kahn. Die Rettung kommt mit einem dicken Bambusstab.
Es wird dunkel. Das Boot hält bei einer kleinen Siedlung an. In einer der fünf Bambushütten auf Pfählen ist noch ein Platz auf dem Fussboden frei. Nichts hier drin deutet auf das 20. Jahrhundert hin. Abends sitzt man um eine Petroleumlampe, isst, trinkt, singt und raucht Opium.

Die nächst grössere Siedlung heisst Pakbeng. Hier rattern abends zwischen 19 und 22 Uhr Generatoren und sorgen für Licht und kühles «Beer Lao». Das Duschwasser kommt aus grossen Fässern, gesammeltes Regenwasser. Ein Junge fragt: «Wanna go Thailand, learn English, need money!» Eine Ausnahme, denn Geld hat normalerweise keine Priorität im Leben der Laoten.

Das bestätigt sich zwei holprige Bustage später - die in Busse verwandelten Lieferwagen fahren erst, wenn sie voll sind - in der Provinzhauptstadt Luang Nam Tha. «Nein, Velos kann man hier nicht mieten», lächelt der Besitzer eines der zwei Restaurants, «aber nimm doch meines» - gratis, versteht sich. Nicht weit entfernt im Dörfchen Muang Sing an der chinesischen Grenze schläft der Polizeibeamte auf seinem Pult. Der obligate Stempel, den Reisende in jeder neuen Provinz bekommen, interessiert ihn nicht; die Hauptstadt ist weit weg. Auf dem farbenfrohsten Markt in Nordlaos - früher der grösste Umschlagplatz für Opium im Goldenen Dreieck - treffen sich vor Sonnenaufgang Angehörige ethnischer Minderheiten wie der Thai Lü, der Yao und der Hmong. Sie verkaufen alles, von Seidenkleidern bis zu Kuhköpfen.

Tiere gibt es auch am Flugplatz von Luang Nam Tha. Hühner rennen über die Startbahn, während oben der Pilot versucht, ein Loch durch die Wolken zu finden. Auf dem Höhepunkt der Regenzeit, wenn sich auch die Strassen in Flüsse verwandeln, ist der Luftweg der einzige Zugang zur Stadt. Ein Flug mit einer chinesischen Propellermaschine der Lao Aviation ist ein Erlebnis für sich. Zwei der 17 Plätze sind mit Gepäck belegt. Auch zwischen den Sitzreihen und hinter den Piloten ist reichlich Platz für Pakete und Taschen. Nach zehn Minuten Flug setzt ein «Trockeneiseffekt» ein - es sieht so aus, als ob Wolken langsam ins Flugzeug strömten.

In Huay Sai erscheint wieder die «Mutter der Gewässer», wie die Laoten den Mekong nennen. Am andern Ufer liegt eine andere Welt mit Asphaltstrassen, Strommasten und Geldautomaten - Thailand. Während das laotische Grenzstädtchen einschläft, dröhnt die Musik der thailändischen Nachtclubs über den Mekong.

Das Gefühl der Zeitlosigkeit überträgt sich allmählich auf den Reisenden und verliert sich auch 750 km flussabwärts nicht. Zwei grosse Strassen, ein Boulevard: das ist Vientiane, die Hauptstadt von Laos. «Die Bordelle sind sauberer als die Hotels, Marihuana günstiger als eine Pfeife Tabak und Opium einfacher zu finden als ein kaltes Bier», beschrieb der amerikanische Autor Paul Theroux das vorrevolutionäre Nachtleben. Marihuana ist immer noch günstiger (es wird unter anderem als Gewürz für Suppen verwendet), die Bordelle wurden jedoch in Gasthäuser verwandelt, und Opium ist schwer zu finden. Vientiane ist die Zeitlupenhauptstadt Asiens; gelegentlich schläft das Servierpersonal eines Restaurants, und weder Taxifahrer noch aufdringliche Händler warten vor den Hotels. «Es ist einfach zu ruhig hier. Hier geschieht nie etwas», sagt ein ansässiger schwedischer Pensionär, während die Sonne als feuriger roter Ball im Mekong versinkt.