Berner Zeitung, 15.1.2000


Bosnien-Herzegowina

Eine ständige Friedenskonferenz

Wer meint, Bosnien-Herzegowina sei wohl der letzte Ort, wo es Reisende hinzieht, der irrt gewaltig. Die 17'000 Betten Medjugorjes sind oft belegt. Der Grund: Die Jungfrau Maria soll dort einigen Auserwählten täglich erscheinen.

Marcel Stoessel

Bis 1981 war Medjugorje nur ein armes Nest in den Bergen Jugoslawiens. Dann behaupteten sechs Jugendliche, ihnen sei auf einem Berg die Heilige Maria erschienen. „Ich weiss nicht, warum die Heilige Maria gerade mich ausgewählt hat“, erinnert sich Ivan. Der bosnische Kroate ist einer der drei Seher, die noch heute täglich um 18.40 Uhr eine persönliche Botschaft der Jungfrau erhalten. Dabei sehe er sie dreidimensional vor sich, und es  sei ein wunderbares Gefühl.

Fast 20 Millionen Wallfahrer

Nicht im Traum haben Ivan und seine Freunde daran gedacht, was sie auslösen würden. Die kommunistischen Behörden und der Bischof von Mostar reagierten mit Ablehnung, die katholische Kirche mit Skepsis. Die Erscheinungen sind von Rom zwar (noch) nicht offiziell als übernatürlich anerkannt, jedoch hat der Vatikan sie auch nicht ausdrücklich abgelehnt. Die theologische Debatte hat die bisher fast 20 Millionen Pilger, darunter 30'000 Priester und Bischöfe nicht daran gehindert, dem Ruf der Maria in die Berge der Herzegowina zu folgen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit versammeln sich Wallfahrer auf dem Erscheinungsberg um ein schlichtes Holzkreuz oder absolvieren den nahen Kreuzweg. Sie alle sind gekommen, um Frieden zu finden und für Frieden zu beten. Einige knien auf dem Boden, einige weinen. Alle beten. Hier gibt es keine Oberflächlichkeit. Eine Oase des Friedens mitten in einem ehemaligen Kriegsgebiet.

Königin des Friedens

Zweifel haben weder die Pilger noch die Seher. „Ich bin bereit, für diese Erscheinungen zu sterben“, sagt der heutige Familienvater Ivan. Und Pater Slavko, franziskanischer Kaplan von Medjugorje und spiritueller Berater der Seher, bezahlt jedem Reise und Unterkunft, der beweisen will, dass die Seher lügen.  „Ich glaube, Medjugorje ist ein Eingriff von Gott durch Maria, damit die Menschen anfangen, sich zu entscheiden“. Entscheiden soll man sich gemäss den Botschaften Marias für das Beten, die Bekehrung, das Fasten, die katholische Tradition (Rosenkranz, Anbetung, Beichte, Messe) und vor allem: für den Frieden. Deshalb wird Maria hier auch „Königin des Friedens“ genannt. „Versöhnt Euch. Macht Frieden mit Gott und macht Frieden unter den Menschen.“, gaben die Seher am 26. Juni 1981 zu Protokoll. Damals meinten die Leute im Dorf, Friede sei doch alles, was sie hätten. Auf den Tag genau zehn Jahre später begann der Krieg um die Auflösung Jugoslawiens. Dann war Friede alles, was sie sich wünschten.

Krieg beginnt im Herzen

Zwar hat der Krieg Medjugorje verschont, doch das nächste ethnisch gesäuberte Dorf ist nur fünf Kilometer entfernt, und die Strasse hinauf von der kroatischen Adriaküste ist gesäumt von Ruinen. „Der Krieg ist nicht gekommen, weil Maria gekommen ist, sondern Maria ist gekommen, weil sie wusste, was die Menschen vorbereiten“, kommentiert Pater Slavko die schrecklichsten Kämpfe auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Frieden kommt von innen, meint auch Ivan: „Die Menschen fingen diesen Krieg an, weil sie keinen Frieden in ihren Herzen hatten“. Daran scheint sich nicht viel geändert zu haben. Im 30 Kilometer entfernten Mostar teilt eine unsichtbare Mauer entlang der ehemaligen Frontline Kroaten und Moslems – Apartheid mitten in Europa. Auch die regelmässigen Wallfahrten der bosnischen (katholischen) Kroaten nach Medjugorje scheint es ihnen nicht zu ermöglichen, den Hass zu überwinden. Von Frieden zu reden ist das eine, ihn zu leben, das andere.

Souvenirshop „Hosanna“

Womit Kroaten Mühe haben, dafür beten Franzosen, Italiener, Spanier, Deutsche, Amerikaner, Libanesen und Koreaner in Medjugorje. Sie kommen bus- und flugzeugeweise in dem Dorf an, wo heute jedes Haus eine Pension ist und auch sonst für die Gäste gesorgt wird. Es reiht sich Souvenirshop an Souvenirshop (mit Namen wie „Gloria“ und „Hosanna“), und wer die Visa-Karte nicht gerade zur Hand hat, kann den Rosenkranz zur Not auch mit australischen Dollars bezahlen. Uebrigens: Protestanten sind ebenfalls willkommen, besonders dann, wenn sie konvertieren. Doch Moslems, scherzt Pater Slavko, kämen erst dann nach Medjugorje, „wenn die Schweiz ein islamischer Staat geworden ist“. Medjugorje sei für alle da, aber es kämen halt nicht alle nach Medjugorje. So ist der Weg zum Frieden noch weit – und um ihn zurückzulegen braucht es mehr als nur Gebete.

Info

Medjugorje

Beste Reisezeit: Ganzjährig. Von den Temperaturen her ist April – Oktober am besten geeignet. An katholischen Feiertagen sowie am Erscheinungstag (24. Juni) wird eine Vorreservation empfohlen.

Anreise: Per Flug täglich Zürich – Zagreb – Split (500 Fr.) ab Frühling 2000 jeden Mittwoch Direktflug Zürich – Split; Bustrans nach Medjugorje. Per Bus 2 x pro Woche direkt ab der Schweiz.

Visum: Für Schweizerbürger nicht erforderlich.

Unterkunft: Einige wenige Hotels mit Preisen unter 75 DM, unzählige private Pensionen (rund 35 DM Halbpension)

Sicherheit: Problemlos.

Pauschalangebote: Reisebüro Elez (052 212 97 58), Drusberg Reisen (055 412 80 40)

Internet: http://www.medjugorje.hr