Musenalp Express 5/2000

Rendez-Vous mit der Jungfrau Maria

Ausgerechnet in  Bosnien-Herzegowina gibt es eine Oase des Friedens. Fast 20 Millionen Menschen sind seit 1981 in das Bergdorf Medjugorje gepilgert – darunter viele Jugendliche. Der Grund: Einigen Auserwählten soll dort täglich die Jungfrau Maria erscheinen.

Von Marcel, 26, Student

Kaum hat unser Bus die Grenze nach Bosnien-Herzegowina überquert, sehe ich die ersten Dörfer, wo kein einziges Haus mehr steht. Und nach den Ruinen folgen die Friedhöfe, auf denen kein Friede – höchstens Ruhe – herrscht.

Souvenirshop „Hosanna“

Meine zweimonatige Reise geht in den Krieg, könnte man meinen. Bosnien-Herzegowina? Das Interesse an der Weltpolitik und der menschlichen Natur haben dafür gesorgt, dass ich in diesem Bus sitze. Als ich aussteige, finde ich zu meiner grossen Überraschung einen Ort voller Touristen vor. Medjugorje ist eines der weltweit grössten religiösen Zentren geworden. 17'000 Betten, viele Restaurants und Souvenirshops mit Namen wie „Gloria“ und „Hosanna“ sorgen für das physische Wohlbefinden der Religionstouristen aus aller Welt. Für das geistige Wohlbefinden sorgt Maria.

Keine Zweifel

Bis 1981 war Medjugorje war nichts anderes als ein kleiner Weiler in den Bergen Herzegowinas. Dann behaupteten sechs Teenager, ihnen sei die Jungfrau Maria erschienen. Sie sei jung, schlank, habe rosa Wangen, blaue Augen, trage ein graues Kleid und stehe auf einem Wölkchen. Auf die Geschichte der sechs Kroaten reagierten die kommunistischen Behörden und der Bischof von Mostar mit Ablehnung; die katholische Kirche mit Skepsis. Doch auch wenn der Papst die Marienerscheinungen (noch) nicht offiziell anerkennt, braucht auf dem sogenannten „Erscheinungsberg“ niemand überzeugt zu werden.  

Überzeugt sind natürlich auch die Seher. Drei der ursprünglich sechs Kroaten haben sehen noch heute täglich um 18:40 Uhr die Heilige Maria dreidimensional vor sich und erhalten eine persönliche Botschaft. Ivan Dragicevic war 16, als ihm die Heilige Mutter zum ersten Mal erschien. „Sie zu sehen ist ein grosses Geschenk für mein Leben und eine grosse Freude, aber auch eine grosse Verantwortung“, erzählt er mir. Zweifel habe er jetzt keine mehr: „Ich bin bereit, für diese Erscheinungen zu sterben“.

Eine Botschaft des Friedens

Nach Aussagen der Seher betont Maria in ihren Botschaften häufig die Notwendigkeit des Gebets und des Fastens, die katholische Tradition und vor allem: den Frieden. Friede zwischen Menschen und Gott sowie Frieden unter den Menschen. Zehn Jahre nach der ersten Erscheinung tobten in Bosnien-Herzegowina die schwersten Kämpfe auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Medjugorje wurde zwar verschont, doch die marianische Botschaft scheint nicht einmal ins 30 Kilometer entfernte Mostar vorgedrungen zu sein. Eine unsichtbare Mauer entlang der ehemaligen  Frontlinie trennt noch heute Moslems im Osten und (katholische) Kroaten im Westen. Apartheid mitten in Europa. Für Frieden zu beten, ist das eine, ihn zu leben, das andere.  

Katholische Kirche „in“

Während meiner zwei Wochen in Medjugorje sind 10'000 – 15'000 Jugendliche zu einem Jugendfestival versammelt. Sie feiern mehrsprachige Messen, legen die Beichte ab, beten den Rosenkranz und begehen den Kreuzweg. Wer meint, die Jugend sei durch nichts mehr abgetörnt als durch die katholische Kirche, der hat noch nie die Open air Atmosphäre eines Gottesdienstes in Medjugorje miterlebt, bei dem man sich noch so gerne einen Sonnenbrand holt.

Unter ihnen ist auch Anette Kupferschmid. Die 27-jährige Zürcherin ist zum Katholizismus konvertiert: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal bei der katholischen Kirche landen würde. Doch dann habe ich gesehen, dass Jesus im Sakrament der katholischen Kirche ist“. Darum habe sie ihren Glauben nicht ohne die Kirche leben können.

Auch Protestanten sind willkommen in Medjugorje, besonders, wenn nachher Katholiken werden. Ich bin noch immer Protestant, auch wenn ich 30 Mal gefragt wurde, wann ich denn endlich konvertiere. Ob die Geschichte wahr ist, habe ich auch bei einer der Erscheinungen nicht feststellen können (nichts gesehen, nichts gespürt). Falls alles erfunden ist, ist es jedenfalls gut erfunden, und es wäre schön, wenn der Friede Wirklichkeit würde in Bosnien. Dazu braucht es jedoch mehr als nur Gebete.