Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 24./25. Februar
2001, Seite 5.
Harzende Demokratisierung in Bosnien und Herzegowina
Gemischte Bilanz der OSZE fünf Jahre nach dem Dayton-Abkommen
Von Marcel
Stoessel*
Das Friedensabkommen von
Dayton weist der OSZE eine bedeutende Rolle bei der Befriedung Bosniens zu. Sie umfasst die Vorbereitung von Wahlen, die
Förderung des demokratischen Wiederaufbaus,
Aufgaben im Bereich der Menschenrechte und der militärischen
Stabilisierung. Die Bilanz nach fünf Jahren ist gemischt.
Mehr als fünf Jahre nach der Unterzeichnung des
«Allgemeinen Rahmenabkommens für Frieden in Bosnien und Herzegowina» im
Dezember 1995, das den dreieinhalbjährigen Bosnien- Krieg beendete, fehlen dem Land in
vielerlei Hinsicht noch immer die Attribute eines souveränen Staates. Zwar blieb der Staat
de jure in seinen international anerkannten Grenzen bestehen; de facto sind das Territorium und die Macht
jedoch zwischen den drei wichtigsten Volksgruppen – Bosnjaken (Muslimen), Serben und
Kroaten – aufgeteilt.
Die Wahlen
als Glaubwürdigkeitstest
Nach wie vor existieren drei Streitkräfte; in
den gesamtstaatlichen Institutionen verfügt jede ethnische Gruppe über ein
Vetorecht; und bisher führten sämtliche Urnengänge insgesamt zu einer Stärkung der monolithischen
nationalistischen Parteien. Das Kriegsziel der Teilung Bosniens ist für serbische
und kroatische Nationalisten keineswegs vom Tisch. Dieser zentrifugalen
Tendenz versucht die internationale Staatengemeinschaft entgegenzuwirken. Dayton ist weit
mehr als ein klassischer Friedensvertrag. Verschiedenen internationalen Organisationen wird
die Aufgabe des State Building übertragen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE) ist nur eine von ihnen. Ihr fielen jedoch entscheidende Aufgaben zu, die es
ihr erlaubten, Kompetenz und Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Die innert kürzester
Zeit aufgebaute und bis dahin grösste OSZE-Mission musste vorerst beurteilen, ob
«glaubwürdige Wahlen unter den gegebenen sozialen Voraussetzungen in den beiden Teilstaaten», in der
Bosnjakisch-Kroatischen Föderation und in der Republika Srpska, möglich sind. Das im
Friedensabkommen von Dayton vorgesehene späteste Datum, der 14. September 1996, galt
nicht als «unantastbar».
Der amtierende Vorsitzende der OSZE, Flavio Cotti, dem
formal der Terminentscheid zufiel, wies darauf hin, dass Wahlen ohne
minimale Voraussetzungen zu einer «scheindemokratischen Legitimierung extrem
nationalistischer Machtstrukturen und ethnischer Säuberungen» verkommen
könnten. Doch sah der damalige Schweizer Aussenminister keine vernünftige
Alternative – nicht zuletzt auf Druck der USA und anderer Mitglieder der
internationalen Kontaktgruppe.
Obstruktion
der Nationalisten
Die Provisorische Wahlkommission unter dem Vorsitz des
OSZE-Missionschefs, Robert Frowick, regulierte jeden Aspekt des Wahlprozesses. Als besonders
kontrovers erwiesen sich die Regeln in Bezug auf Flüchtlinge und intern
Vertriebene. Während das Daytoner Abkommen festlegt, dass diese Bürger «als
Grundregel» in jener Munizipalität ihr Wahlrecht ausüben sollten, in der sie 1991 ihren Wohnsitz gehabt
hatten, stellte es ihnen die Wahlkommission frei, sich in einer anderen Gemeinde einzutragen. Der
gross angelegte Missbrauch dieser Regel führte letztlich zu einer
Verschiebung der für dasselbe Datum vorgesehenen Munizipalwahlen. Ein neutrales politisches
Klima war nicht gewährleistet: Meinungs-, Versammlungs-, Bewegungs- und
Pressefreiheit waren stark eingeschränkt. Die grosse OSZE-Beobachtungsmission
verzichtete in ihrer Schlusserklärung denn auch auf das Prädikat «frei, fair und
demokratisch». Neben technischen Unzulänglichkeiten stand die erhärtete
Vermutung des Wahlbetrugs im Raum. Doch entscheidend war ein anderer Aspekt: Die Wählerinnen
und Wähler hatten sich in ihrer überwältigenden Mehrheit für die drei
nationalistischen Parteien, die serbische SDS, die kroatische HDZ und die
bosnjakische SDA, entschieden.
Vor allem die SDS und die HDZ machten durch systematische
Obstruktion des Friedensprozesses eine kontinuierliche internationale Präsenz
unabdingbar. Die OSZE überwachte fünf weitere Urnengänge: landesweite
Wahlen 1998 und 2000, Munizipalwahlen 1997 und 2000 sowie ausserordentliche Wahlen in der Republika Srpska 1997.
Eine schwache Tendenz zu den politisch gemässigten Parteien zeigte sich
lediglich bei den Bosnjaken, für die der Gesamtstaat die einzige Überlebenschance
darstellt. Die OSZE nutzte ihre weitgehenden Kompetenzen verschiedentlich: Sie strich nicht genehme
Kandidaten von den Listen, setzte gewählte Politiker und ganze Gemeindeversammlungen ab (die
Implementierung der Resultate der ersten Munizipalwahlen erwies sich als
ausserordentlich schwierig), sanktionierte hetzerische Wahlslogans und verbot
gar bei einer der Wahlen zwei kleinere Parteien. Doch der erhoffte Sinneswandel blieb
aus; nicht einmal der demokratische Umbruch in Kroatien und Jugoslawien führte zu mehr
Kooperation innerhalb Bosniens.
Stärkung
multiethnischer Parteien
Ohne Wahlen gibt es keine Demokratie, aber Demokratie
bedeutet mehr als Wahlen. So verstärkte die OSZE nach dem ersten Urnengang ihre Bemühungen
zur Festigung einer demokratischen Bürgergesellschaft.
Nichtregierungsorganisationen – etwa multiethnische Vereinigungen für die Rückkehr
von Vertriebenen – wurden systematisch als Alternative zu nationalistischen
Strukturen gefördert. Auch politische Parteien erhielten finanzielle und technische Hilfe,
wobei multiethnischen und dem Dayton-Prozess verpflichteten Parteien der Vorzug
gegeben wurde. Dies war deshalb sinnvoll, weil die drei nationalistischen Parteien über
ein grosses informelles Netzwerk – bis hin zu eigenen Geheimdiensten –
verfügen, was ihnen strategische Vorteile gegenüber neuen Gruppierungen verschaffte. Zur
Demokratisierungsstrategie der OSZE gehört auch die Ausbildung von Gemeindebehörden und
Justizbeamten. Dabei stehen die Bekämpfung der bis heute grassierenden Korruption und
die Förderung des Rechtsstaates, der in Bosnien über wenig Glaubwürdigkeit verfügt, im
Vordergrund.
Ein zentrales Element einer funktionierenden Bürgergesellschaft
sind nach Ansicht der OSZE pluralistische, unabhängige Medien.
Denn historische Wahrheit und das gegenwärtige Geschehen sind ebenfalls
ethnisch geteilt in Bosnien. Mit Schweizer Hilfe wurde 1996 die erste
gesamtbosnische Radiostation aufgebaut, doch blieben die Hörerzahlen trotz grosser
Professionalität in kritischen Gebieten enttäuschend. Als zunehmend erfolgreiche
Abschreckung gegen Hetzpropaganda erwies sich die für die Munizipalwahlen 1998
eingeführte tägliche Beobachtung der Berichterstattung durch eine OSZE-nahe
Medienexperten- Kommission. Sie sollte Fairness und den Zugang aller Parteien zu den Medien
sicherstellen.
Diskriminierung
Nicht weniger als 16 internationale
Menschenrechtsabkommen – darunter die Europäische Menschenrechtskonvention – wurden in
das Friedensabkommen von Dayton integriert und sind direkt als staatliches Recht in
Bosnien anwendbar. In der Realität ist Diskriminierung auf der Basis von Ethnizität, vor allem seitens
der Serben und der Kroaten, an der Tagesordnung. Die Rückkehr von Vertriebenen hat zwar im
vergangenen Jahr an Schwung gewonnen, wird aber weiterhin massiv behindert. Die OSZE
verfügt mit 30 im ganzen Land verteilten Human-Rights Officers über die grösste
Menschenrechts-Präsenz auf dem Feld. Ihr besonderes Augenmerk gilt den für die Rückkehr
entscheidenden Eigentumsfragen, doch ist ihre Macht rein informell.
Dasselbe gilt für die unter der Ägide der OSZE stehende, aber
nach nationalem Recht operierende Ombudsperson. Sie nimmt individuelle
Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen seitens staatlicher Organe
entgegen, diskutiert über diese mit den Behörden und gibt Empfehlungen ab. Die erste
Ombudsfrau, die Schweizerin Gret Haller, konnte so zahlreiche
Einzelfälle ohne grosse Publizität einer Lösung zuführen. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass die
Empfehlungen der Ombudsperson vermehrt befolgt werden.
Unter der Vermittlung der OSZE wurden 1996 zwischen den
früheren Konfliktparteien zwei militärische Abkommen geschlossen. Zum einen ein Übereinkommen
zwischen Bosnien-Herzegowina, der Bosnjakisch-Kroatischen Föderation und der Republika
Srpska über vertrauens- und sicherheitsbildende Massnahmen. Bei der Umsetzung ist die grosse
Zahl der bisher erfolgten Inspektionen hervorzuheben; diese waren
allerdings zuvor angekündigt worden. Hinzu kommt die verbesserte Atmosphäre zwischen den
Angehörigen der drei de facto existierenden Armeen, die sich im Verlauf der Zeit zunehmend entspannt
hat. Dies kam beispielsweise 1999 bei einem OSZE-Seminar zur demokratischen
Kontrolle der Streitkräfte zum Ausdruck. Bei der zweiten militärischen Vereinbarung handelt es sich
um ein subregionales Abrüstungsabkommen, das auch Kroatien und Jugoslawien einschliesst, mit dem
Ziel eines ausgewogenen stabilen Niveaus der Verteidigungskräfte auf
niedrigster Ebene im Einklang mit den jeweiligen Sicherheitsbedürfnissen.
Erste Schritte beim Abbau der schweren Waffen sind bereits erfolgt.
Zementierte
«ethnische Säuberung»?
In Bezug auf die Wahlen, bei denen die OSZE über reale
Macht verfügt, sind einige Kritikpunkte anzumerken. Die nicht erfüllten
Mindestbedingungen für den ersten Urnengang verhalfen den ultranationalistischen Parteien zu
einer zusätzlichen Legitimation. Weit gravierender waren jedoch die
Regeln der Provisorischen Wahlkommission von 1996 und 1997, die es den
Vertriebenen zu einfach machte, an einem anderen als ihrem Heimatort ihre Stimme
abzugeben. Die OSZE muss sich den Vorwurf gefallen lassen, hier der Zementierung der im Krieg
erreichten «ethnischen Säuberungen» nicht genügend entgegengewirkt zu haben.
Schliesslich wurde der Vorwurf der Parteilichkeit laut, denn die
OSZE hatte ihre klaren Präferenzen für sozialdemokratische und liberale Parteien. Diese
Strategie scheint aus den oben erwähnten Gründen jedoch gerechtfertigt.
Wenn auch die Wahlen im Rampenlicht der Medien standen,
so trug die OSZE auch entscheidend zur Demokratisierung im erweiterten Sinne bei. Vorerst
offen bleibt, ob eine von aussen herbeigeführte und in ihrer Art teilweise
«undemokratische» Demokratisierung zum Erfolg führen wird. Die OSZE leistete – unter
Einbezug der Bevölkerung – wichtige Beiträge für den Aufbau einer
demokratischen Bürgergesellschaft und die Respektierung der Menschenrechte. In
diesen Bereichen ist jedoch selbst eine Zwischenbilanz etwas mehr als fünf Jahre nach
Kriegsende verfrüht. Fest steht, dass die OSZE seit Dayton vom viel zitierten
Papiertiger zu einer handlungs- und entscheidungsfähigen operationellen
Organisation geworden ist.
* Marcel Stoessel ist
freier Journalist. Er verfasste für das Institut de hautes
études internationales in Genf eine Studie zur
Rolle der OSZE in Bosnien-Herzegowina.
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Friedensforum: Fünf
Jahre nach dem Dayton-Abkommen: Eine ernüchternde Bilanz