Berner Zeitung, 14.8.1999
Mehr Löwen als
Touristen
„Zambia – the real Africa“ verspricht ein etwas
abgedroschener Werbeslogan. Doch Sambia ist mit seinen mehr als 64'000
Quadratkilometern Nationalparks, den Viktoriafällen und einer gastfreundlichen
Bevölkerung tatsächlich noch ein Stück wirkliches Afrika – das allerdings
seinen Preis hat.
Marcel Stoessel
Die meisten Touristen besuchen Sambia genau einen Tag, dann nämlich, wenn sie die Viktoriafälle von der anderen Seite der Grenze sehen wollen. Der Grenzübergang zwischen Simbabwe und Sambia ist wohl der spektakulärste der Welt: eine 111 Meter hohe Brücke über den Sambesi. Rechts wagen Touristen einen Bungee-Sprung, links hört und sieht man den Wasserdunst der Viktoriafälle. „Der Rauch, der donnert“ – „Mosi-oa-Tunya“ – so nannten die Kololo die Fälle, lange bevor sie David Livingstone 1855 als erster Weisser zu sehen bekam. Der schottische Missionar schrieb, sogar Engel im Flug würden wohl innehalten, um dieses Naturschauspiel zu bestaunen.
Ehrlichere Gastfreundlichkeit
Für die Engelsperspektive sorgen heute Flugzeuge und Helikopter, denn
nur aus der Luft ist das wirkliche Ausmass der Viktoriafälle erkennbar: Die
Wassermassen stürzen auf einer Breite von bis zu 1.7 Kilometern mehr als
hundert Meter in die Tiefe. Der Kontrast zwischen dem simbabwischen Städtchen Victoria
Falls und Livingstone in Sambia ist gross. „Vic Falls“ versucht mit
seiner Abenteuerindustrie (Bungee, Free Fall, River Rafting, etc.) alles, bloss
nicht Afrika zu sein. Auf der anderen Seite der Brücke hingegen findet man noch
ein Stück vom beschaulichen, wirklichen Afrika. Sambia ist weniger entwickelt,
doch ist der Lebensrhythmus langsamer und die Gastfreundlichkeit ehrlicher. Berührungsängste
zwischen Schwarz und Weiss gibt es nicht, und die schnell geschlossenen
Freundschaften mit den Sambiern müssen meist am ersten Abend schon begossen
werden.
Massentourismus ist in Sambia unbekannt, denn zum wirklichen Afrika gehören auch Strassen, die nicht einmal die gestrichelte Linie auf der Landkarte verdienen. Fährt man zum Beispiel in die Westprovinz, verändert sich der Untergrund wie folgt: erst Teer mit gelegentlichen Schlaglöchern, dann Schlaglöcher mit gelegentlichem Teer, schliesslich nur noch eine wellblechartige Piste. „Diese Woche kein Benzin“, heisst es an einer Tankstelle gleich neben der Fähre, die heute auch nicht funktioniert. „Vielleicht nächste Woche“, lächelt ein freundlicher Jugendlicher, das heisst in Afrika: auch nächste Woche nicht.
Solchen Strapazen entgeht die Mehrheit der wenigen Touristen in Sambia
durch organisierte Reisen, bei denen grosse Strecken mit Charterflugzeugen zurückgelegt
werden und in luxuriösen Lodges übernachtet wird. Am populärsten ist
der Südluangwa-Nationalpark im Osten, der sich mit allen grossen afrikanischen
Parks messen kann. Löwen, Büffel, Zebras und Flusspferde sind problemlos zu
beobachten. Nach Jahrzehnten der Wilderei weist der Park heute auch eine der höchsten
Elefantendichten Afrikas auf. Eine besonders eindrückliche Art, die Dickhäuter
und den Rest der Natur zu beobachten, sind „walking safaris“, die
hier erfunden wurden. Mit zwei erfahrenen Wildhütern zieht man in der Regel früh
morgens quer durch den Busch, folgt Tierspuren und –geräuschen, immer darauf
bedacht, gegen den Wind zu gehen. Eine weitere Spezialität sind
Wildbeobachtungsfahrten in der Nacht, wo nicht selten die nachtaktiven Leoparden
oder Löwen auf der Jagd beobachtet werden können.
Nur eines gibt es in den Nationalparks Sambias nicht im Überfluss:
Touristen. Stehen etwa in Südafrika meist vier Allradfahrzeuge um einen Löwen,
ist es in Sambia nicht selten umgekehrt. Hier hat man noch wirklich das Gefühl,
in der Wildnis zu sein. Das Potential für Tourismus ist zweifelsohne
vorhanden: eine gemütliche Kanusafari im Lower Zambesi Nationalpark
vorbei an Elefanten, Flusspferden und Krokodilen gehört für viele zu den Höhepunkten
des schwarzen Kontinents. Auch der Kafue-Nationalpark im Westen – mit seinen
mehr als 22'400 Quadratkilometern halb so gross wie die Schweiz – beginnt sich
langsam zu entwickeln. Doch die hohen Preise werden auch in Zukunft dafür
sorgen, dass Sambia ein Geheimtip für einige wenige bleibt – jene, denen das
„wirkliche Afrika“ mehr als einen Tag wert ist.
Tipps & Infos
Individualreisen
können nur für Abenteurer mit eigenem Fahrzeug und viel Zeit empfohlen
werden.
Reisezeit: Für Wildbeobachtungen die Trockenzeit von April bis Oktober.
Anreise:
South African Airways (SAA): Zürich – Johannesburg – Victoria
Falls (Grenze Simbabwe – Sambia), ab 1'690 Franken. British Airways
(BA): Zürich – London – Lusaka, ab 1'220 Franken.
Visum:
Wird bei der Ankunft ausgestellt (25 US $).
Transport: Einige interne Fluggesellschaften verbinden die Touristenzentren;
manchmal unzuverlässig. Empfohlen werden Chartermaschinen der Lodges.
Strassenzustand teilweise desolat.
Unterkunft: Wenige Hotels mit annähernd internationalem Standard in
Livingstone und Lusaka. Luxuriöse Lodges in den Nationalparks (250 –
350 US $ / Tag inklusive Mahlzeiten und allen Aktivitäten). Günstigere
einfachere Unterkünfte nahe des Südluangwa-Nationalparks und im Norden des
Kafue-Nationalparks.
Empfehlenswerte
Nationalparks:
Mosi-oa-Tunya, Südluangwa, Lower Zambesi, Kafue. Eintrittsgebühr zwischen 5
und 15 US $ pro Tag und Person (baldige Erhöhung möglich).
Gesundheit: Über eine allfällige Malariaprophylaxe mit einem Tropenarzt
sprechen.
Sicherheit: Bedenkenlos bei Beachtung der üblichen Vorsichtsmassnahmen.
Reiseanbieter:
Rotunda (Kuoni-Gruppe): 01 386 46 66; Zingg Event Travel 01 709 20 10.
Internet: Englischer Reiseführer http://www.africa-insites.com/zambia/travel